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  • thewisemansfear 12:19 pm am June 2, 2014 Permalink
    Tags: , , , Inflation, Monetarismus, Quantitätstheorie, umlaufgeschwindigkeit   

    Breaking News: Märkte mit Geld geflutet – Geldumlaufgeschwindigkeit sinkt 

    OMG! Die Welt steht kurz vor dem Zusammenbruch! Am Beispiel USA wird hier „erklärt“, wie die Geldumlaufgeschwindigkeit beständig sinkt und so der wirtschaftliche Niedergang unaufhaltsam voranschreitet. Wer wollte schon die seit Jahren anhaltende deflationäre Tendenz ob dieser Grafik leugnen?

    Geldumlaufgeschwindigkeit M2 (USA)

    Geldumlaufgeschwindigkeit M2 (USA)

    Was sehen wir hier nun genau? Bis Ende der 90er ging es mehr oder weniger bergauf, dann 2000/01 das Platzen der Dotcom-Blase und 2007/08 die GFC (Great Financial Crisis). Grauer Hintergrund bedeuten Krisenjahre, da sollte jedem einleuchten, dass da die Menschen nicht mit Geld um sich werfen, sondern auf die Ausgabenbremse treten.

    Warum sinkt die Geschwindigkeit seitdem immer weiter? Werfen wir einen Blick auf die Quantitätstheorie und auf folgende Grafik:

    Seit 2008 wird seitens der FED die Geldmenge massiv ausgeweitet (über QE habe ich hier bereits etwas geschrieben), was sämtliche Monetaristen auf den Plan ruft, die die (Hyper-)Inflation vor der Türe stehen sehen.

    Ja, was denn nun? Deflation oder Inflation? Kann sich da mal jemand einig werden?!

    Schauen wir uns die Quantitätsgleichung einfach mal an: M*V=P*Y, „wobei M für die Geldmenge, V für die Geldumlaufgeschwindigkeit, P für das Preisniveau und Y für das Handelsvolumen (von realen Gütern) steht, das stark mit dem BIP (Bruttoinlandsprodukt) korreliert“.

    Man kann jetzt ganz viele tolle Rechnungen anstellen, mal P als konstant annehmen, mal Y, usw. und dabei Dinge „beweisen“, die mit der Realität leider nicht viel gemein haben… Nimmt man die rechte Seite als konstant an, dann ergibt sich zwangsweise bei einer Steigerung der Geldmenge M ein Sinken der Umlaufgeschwindigkeit V – der helle Wahnsinn, oder? Wir hätten damit einen Automatismus gefunden, der beide oben beschriebenen Vorgänge unter einen Hut bringt, allerdings keinen kausalen Zusammenhang liefert. Ich zitiere einfach mal den Unterpunkt Kritik aus der wikipedia:

    Die Schlussfolgerungen aus der Quantitätsgleichung hängen nur davon ab, ob die Gleichung von links nach rechts gelesen wird, dass also eine höhere Geldmenge höhere Preise bewirke, oder einfach umgekehrt von rechts nach links, dass bei höheren Preisen ein größerer Geldumlauf erfolgt.[1] Die Gleichung beweist nicht, dass die höheren Preise von einer höheren Geldmenge verursacht wurden und nicht umgekehrt.
    Der entscheidende Einwand betrifft die angeblich für das Preisniveau ursächliche Geldmenge: Wir können uns eine Ökonomie denken, in der alle Zahlungen bargeldlos über Bankkonten abgewickelt werden und zum Ausgangszeitpunkt alle Konten auf Null stehen. Nach einem bestimmten Zeitraum sollen alle Haushalte ihr gesamtes Einkommen so ausgegeben haben, dass alle Konten zum Endzeitpunkt wieder auf Null stehen. Es lässt sich also weder zu Beginn noch zum Schluss irgendeine Geldmenge in der Ökonomie feststellen und dazwischen kann das Bankensystem durch Überweisungen mit vorübergehender Überziehung der Konten die Transaktionen mit jedem beliebig hohen Preisniveau abgewickelt haben.

    Man nennt eine solche Gleichung daher auch eine Tautologie. Sie ist untauglich, kausale Zusammenhänge herzustellen. Je nach ideologischer Ausrichtung, kann man alles und nichts damit „beweisen“. Schön für diejenigen Ökonomen, deren Publikum über diesen Sachverhalt noch nicht aufgeklärt wurde.

    Warum gibt es diese Gleichung überhaupt? Aus meiner Sicht dient sie der Rechtfertigung der Monetarismus-Theorie, dass man weiter von einem „Ding“ Geld ausgehen und es irgendwie fassbar zu machen versucht. Die Dynamik durch Werden und Vergehen bei Kreditvergabe und Tilgung ist da schon etwas komplizierter zu modellieren, aber dann müsste man sich von liebgewonnenen geschlossenen Kreislaufmodellen verabschieden.

    Auch die Erde ist kein geschlossenes System (auf abiotische Ressourcen bezogen schon), die Sonne versorgt uns mit zusätzlicher freier Energie, die Pflanzen, Tiere und wir nutzen, umwandeln und einen Teil davon als Abfallprodukt wieder in den Weltraum abstrahlen. Aber dazu in einem der kommenden Beiträge mehr.

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    • Philosoph 8:33 am am Juni 14, 2014 Permalink | Antworten

      Das Konzept der Geldumlaufsgeschwindigkeit ist Schwachsinn. Dass die sogenannte Geldumlaufgeschwindigkeit sinkt, kann niemanden ernsthaft erstaunen. Hier mehr Infos:
      https://sites.google.com/site/geldsysteminfo/geldumlauf-illusion

      • thewisemansfear 10:38 am am Juni 16, 2014 Permalink | Antworten

        Nichts anderes soll der Beitrag aussagen.
        Danke für den Link. Da sind doch einige erhellende Beispiele, die mit manch aktuellen Mythen aufräumen. Die Schlussfolgerung, dass das Schuldgeldsystem Ursache für die jetzige Misere sei, teile ich aber nicht. Damit blendet man den Faktor Mensch so gut wie aus, obwohl es immer Menschen sind, die Systemschwächen für sich ausnutzen. M.M.n. trägt eine von Kleinauf eingeimpfte Wettbewerbs-Ideologie einen großen Teil dazu bei, dass die divide-et-impere-Strategie so gut funktioniert.

        • Philosoph 11:54 am am Juni 21, 2014 Permalink

          Da gebe ich Ihnen ganz recht. Das ist auf einer anderen Seite vermerkt und in ein Märchen verpackt:
          https://sites.google.com/site/geldsysteminfo/kritik-an-der-kritik/fehlender-zins

        • thewisemansfear 12:54 pm am Juni 21, 2014 Permalink

          Den Beitrag habe ich bereits entdeckt und kräftig weiter verlinkt. In dieselbe Richtung geht https://wiki.piratenpartei.de/AG_Geldordnung_und_Finanzpolitik/Zins/Zinskritik-Kritik
          Ein gewisser Franz Hörmann als selbsternannter Buchhaltungsspezialist ist ja nach wie vor gegenteiliger Meinung, hat sich dazu bislang leider nicht geäußert :-9

        • Philosoph 8:50 am am Juni 22, 2014 Permalink

          Die Herren Hörmann, Senf und auch weitere Profs kann ich schon lange nicht mehr ernst nehmen. Allerdings denke ich, dass sie gefährlich sind, da sie eine Aufgabe zu haben scheinen, nämlich die Leute zu zermürben, bis sie das Maul halten. Sie handeln ganz nach der hegelschen Dialektik These-ANTITHESE-Synthese. Dass sie so dumm sind und ihren Senf, den sie verzapfen, auch noch glauben, kann ich mir eigentlich kaum vorstellen.

        • thewisemansfear 10:46 am am Juni 22, 2014 Permalink

          Dummheit würde ich denen nun nicht unbedingt vorwerfen, aber es kommt wie so oft eine menschliche Eigenart zum Tragen: sich gegen Kritik zu immunisieren und diese nicht für voll zu nehmen. Senf hat spätestens seit den Antisemitismus-Vorwürfen „zu“ gemacht, Hörmann wird stellenweise als Esoteriker bezeichnet. Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten…
          Keine Ahnung, ob man es „Hybris“ nennen will, die sie an der Richtigkeit ihrer eigenen Äußerungen glauben lässt. Zum Teil wird die als unverhältnismäßig angesehene Kritik sie weiter in ihrem Tun bestärken „jetzt erst recht“.
          Man muss immer mal wieder „geerdet“ werden, wenn man Gefahr läuft, sich eine eigene Welt zusammenzustricken. Das müssen Fachleute durch ihr Umfeld, wie Politiker durch ihre Wähler, usw.

    • rjmaris 8:46 am am Juni 22, 2014 Permalink | Antworten

      Interessante Denkanstöße aus den Kommentaren! Die Geldumlaufgeschwindigkeit sinkt, weil soviel Geld gehortet wird (Spekulationsmasse o.ä.). Die Geldflutungen ersetzen bloß das Geld, das in den Umlauf fehlt. Das ist einer der Gründe, weshalb es (noch) keine Inflation gibt.
      Was sagt uns das?
      1) Das BIP ist letztlich aussagekräftiger.
      2) Es ist Durchblick benötigt über die „inaktiven“ Geldmengen. Dann kann eine Diskussion starten über Möglichkeiten, dieses verrostete Zeug freizukriegen.

      • thewisemansfear 10:30 am am Juni 22, 2014 Permalink | Antworten

        Die Frage, die sich stellt, ist doch: Wann ist Geld in der Wirtschaft wirksam?
        Wenn es auf dem Konto liegt? Nein, sondern nur dann, wenn es ausgegeben wird. Die Monetaristen und sonstigen Geldmengentheoretiker begehen den Fehlschluss, dass auf dem Konto einbezahltes Geld einfach so von jemand anderem per Kredit wieder abgerufen wird. Wenn nicht genug Nachfrage herrscht, müsse ja irgendwo Geld fehlen.

        Geldumlauf und Umlaufgeschwindigkeit sind reine Kunstbegriffe, um deren Theoriegebilde weiter am Leben zu halten. Wenn mein Geld, was ich zur Bank getragen habe, dort nicht wieder abgerufen wird, hat das denselben Effekt, wie wenn ich es unter die Matratze stopfe. Letzteres wird als „Horten“ verunglimpft und soll mittels Strafgebühr unterbunden werden, während ersteres „Sparen“ der Welten Rettung sei.
        Ohne Kreditnachfrage nützen aber alle Sparguthaben der Welt nichts.

        Update: EZB und BuBa haben aus gutem Grund die Geldbasis M0 aus ihren Verlautbarungen gestrichen. (Nur) Bargeld und Sichtguthaben sind zu M1 zusammengeführt, und das obwohl das eine Zentralbankgeld und das andere Giralgeld ist. ZBG-Reserven (andere Bezeichnung für die Geldbasis) sind in der Wirtschaft nicht wirksam, können es auch nicht werden. Nur indirekt. Entweder hebt jemand wieder Bargeld ab oder er überweist etwas – jeweils zur Bezahlung von irgendetwas.

        • rjmaris 11:21 am am Juni 22, 2014 Permalink

          „Monetaristen und sonstigen Geldmengentheoretiker begehen den Fehlschluss, dass auf dem Konto einbezahltes Geld einfach so von jemand anderem per Kredit wieder abgerufen wird.“ – ist das wirklich so? Ich meine, die meisten Fachleute wissen, dass Buchgeld von Geschäftsbanken geschöpft wird. Dann ist doch die logische Folgerung, dass jedes Guthaben auf einem Bankkonto, die Gegenbuchung des Kredites bereits darstellt? – vereinfachte Darstellung ohne sonstige Bilanzposten.

          Ich widerspreche allerdings, dass Geldumlauf ein Kunstbegriff ist. Sehr plastisch wird dies in einer witzigen Darstellung Sloterdijks dargestelltt: http://www.youtube.com/watch?v=tiyBRTK9XUc
          Es sind 2 Minuten, und der hier dargestellte Kreislauf macht klar, dass die Anzahl der Tauschbeteiligten klar etwas über die Wirtschaftsaktivität aussagt.
          Inaktives Geld auf einem Konto hat Hortungsqualität (das sehe ich seit Kurzem ein). „Matratzengeld“ ist allerdings schlimmer, weil der Bank Geld in den Bilanzen fehlt. Ich vermute, dass dies Sparzinstreibend wirkt.

        • thewisemansfear 12:38 pm am Juni 22, 2014 Permalink

          Ich kann Dich/Sie nur ermuntern, ein bisschen in den Tiefen dieses Blogs zu stöbern. Das Beispiel was Sloterdijk da bringt, habe ich bereits aufgegriffen: https://thewisemansfear.wordpress.com/2014/04/01/wie-war-das-noch-mit-dem-geld/
          grob zusammengefasst soll die Geschichte ja aussagen, dass ohne das „Ding“ Geld nichts läuft. Trotzdem muss aber niemand warten, bis es „zu ihm/ihr“ kommt. Es gibt so viele Wege, Schulden zu begleichen…

          Zum ersten Absatz: Ich bin gebranntes Kind durch die Freiwirte, die sind da sehr speziell…
          Und zum Geldumlauf: davon auszugehen macht nur Sinn, wenn man von einem „Ding“ Geld ausgeht, was man irgendwie rumreicht. Das kommt von einer Ansicht, dass unsere Wirtschaft und quasi alles menschliche Handeln nur über Tausch funktionieren würde. Werden und Vergehen ist dabei nicht vorgesehen.

    • rjmaris 1:15 pm am Juni 22, 2014 Permalink | Antworten

      Danke für die Hinweise. Bzgl. „in den Tiefen“ zu stöbern: da bin ich zurückhaltend. Es gibt ja so wahnsinnig viele Blogs. Und Zeit ist ja knapp…
      Kurz zum Geldumlauf: natürlich handelt es sich nur um „Besitzwechsel“ von Ansprüchen auf Geld, also um Referenzen. Faszinierend finde ich Stützels begriff „Gleichschritt“. Ich wende es alternativ auf Gleichschritt von gegenseitiger Leistungserbringung an. Theoretisch wäre die Geldmenge zu einem beliebigen Zeitpunkt X gleich Null, wenn alle gegenseitige zeitversetzte, multilaterale Leistungsansprüche (Gütertausch) zu jenem Zeitpunkt befriedigt wären, angewandt auf das Sloterdijk-Beispiel wäre was wie mit einer riesigen mathematischen Gleichung, in die Variablen links und rechts weggestrichen werden können, und y = 0 übrigbleibt. Auch diese Betrachtung zeigt, dass es nicht um Geld, sondern um Buchhaltung geht.

      • thewisemansfear 1:35 pm am Juni 22, 2014 Permalink | Antworten

        Die Haltung kann ich nachvollziehen. Wenn der Punkt erreicht ist, an dem einen die Antworten in seinem gewohnten Umfeld nicht mehr zufrieden stellen, geht man eben auf die Suche und „stöbert“ 😉
        Den Aufmerksamkeitsfilter kalibriert jeder selbst nach den eigenen Vorlieben, ganz klar.

    • bertrandolf 10:37 am am Juni 27, 2014 Permalink | Antworten

      Intressant ist wer gerade die Märkte flutet. Laut NZZ sind zu 40% staatliche Fonds und „unabhängige“ Intitute wie die Zentralbanken mit an Bord. Theorethisch spekulieren sie nicht, sondern bilden so eine Art Sockel, der sich nicht umschlägt.
      http://www.nzz.ch/finanzen/einstieg-von-notenbanken-in-die-aktienmaerkte-1.18328034

      • thewisemansfear 12:51 pm am Juni 27, 2014 Permalink | Antworten

        Schon allein die Überschrift trifft den Kern nicht: „Die Finanzmärkte verlieren zunehmend ihren Bezug zur Realität.“
        Ich kann nur nochmal das Zitat von Rainer Voss (im letzten Beitrag) bringen: „Es gibt nicht die Märkte. Wir tun so, als wäre das irgendeine gotthafte Kraft, die über uns hereinbricht. “Die Bank oder die Firma hat entschieden -” Nein! Da entscheiden Menschen. Und wenn man den Menschen sagt: “Hör damit auf!” Dann hören die damit auf. Das muss man nur in der richtigen Art tun.”
        Leider ist das Video mittlerweile nicht mehr verfügbar, aber das bringt es auf den Punkt.
        ‚Unabhängig‘ ist zu recht in Anführungszeichen gesetzt, das ist auch so eine Mär.

        Ohne Kreditlenkung wird freigesetztes Kapital nur wieder ins Casino gehen, da man dort die höchsten Renditen erwartet. Das sind die Auswüchse des ach so freien Marktes, ohne sinnvolle Begrenzungen funktioniert es nicht.

        • bertrandolf 1:14 pm am Juni 27, 2014 Permalink

          Ich habe den Film sogar 2 Mal gesehen. Die Vorstellung von Märkte ist wie die Weltvernichtungsmaschine aus dem Film „Dr. Seltsam – Oder wie ich anfing die Bombe zu lieben“. In dem FIlm baut die UDSSR eine Maschine, wenn sie angegriffen wird, automatisch die Welt zerstört. Also quasi das größtmögliche Abschreckungsszenario darstellt, weil keiner Verantwortung trägt und es keine Kontrolle, bzw einen Ansprechpartner gibt. Und deswegen meint Herr Voss das dort Menschen gibt, die kontrolliert und zur Verantwortung gezogen werden können.

          Im Artikel wird darstellt, das Notenbanken, Staatsfonds usw…. einen großen Anteil am Casino haben und quasi das Geld da reinlenken. Dies zerstört doch jegliche Theorien^^

  • thewisemansfear 9:28 pm am April 11, 2014 Permalink
    Tags: Bilanz, doppelte Buchführung, Eisenstein, , , Graeber, Inflation,   

    Wie war das noch mit dem Geld (2) 

    Den Gedankengang rund ums Geld möchte ich noch ein wenig ausweiten.

    Nehmen wir an, Adam geht spazieren und pflückt unterwegs ein paar Blumen. Seine Bilanz verlängert sich um den Aktivposten „Blumenstrauß“ und eine gleich hohe Rückstellung auf der Passivseite.  (Bilanzen haben es an sich, immer ausgeglichen zu sein.) Die doppelte Buchführung soll hier nicht verwirren, sondern ist hilfreich zu verstehen, wie sich die Besitzgegenstände des Einzelnen (Aktivseite) und die dafür nötigen Aufwendungen (Passivseite) gegenüberstehen. Man kann mit dem Hintergrund der ausgeglichenen Bilanz recht gut das Prinzip der Reziprozität erklären. Wird hoffentlich gleich verständlich:

    Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft…

    Adam schenkt Eva besagten Blumenstrauß beim nächsten Wiedersehen, worüber sie sehr angetan ist. Der Aktivposten von Adam ist nun zu Eva gewandert, bestehen bleibt seine Rückstellung (kreativer und körperlicher Aufwand beim Pflücken) und vielleicht ein schlechtes Gewissen wegen Evas leerer Passivseite, die sich nun darum Gedanken macht, den Gefallen zu erwidern. Beide Bilanzen ist nun nämlich schief. Für einen Ausgleich wird sie sich für Adam etwas gleichwertiges Ausdenken, dann wären sie quitt. So lange steht sie quasi in Adams „Schuld“, denn er hält ja nach wie vor die Forderung (seine Aufwendungen) und Eva das Aktivum. Den Mechanismus des Ausgleichs nennt man Reziprozität. In etwa wie „Wie Du mir, so ich Dir“.

    Anthropologe David Graeber und ebenso Charles Eisenstein erklären so das Zustandekommen bzw. das Funktionieren zwischenmenschlicher Beziehungen. I.d.R. wird das gegenseitige ’sich beschenken‘ nie auf ein „quitt“ hinauslaufen, denn damit wäre alle „Schuld“ aufgewogen und es bestünde keine Notwendigkeit einer weiteren Beziehungspflege. Die Kunst besteht also darin, immer etwas mehr zu geben als man selbst erhalten hat oder eben nicht alles auf einmal aufzuwiegen…

    Schauen wir mal, wie wir eine Verbindung zum Geld herstellen können…

    Jetzt ist ein Blumenstrauß kein allzu werthaltiges Asset. Nach ein paar Tagen ist er verblüht und landet auf dem Kompost. Hat Eva sich bis dahin revanchiert? Wenn nicht, hat Adam mit zunehmender Zeit immer schlechtere Karten, eine Gegenleistung (ja, das ist in dem Zusammenhang überspitzt) zu erhalten. Seine Rückstellung auf der Passivseite kann er dann getrost wieder streichen – für die Katz! Ob er auch nach längerer Zeit noch bedacht wird, hängt allein davon ab, wie verbunden sich Eva im gegenüber fühlt, bzw. welchen Wert sie dem (nun nicht mehr vorhandenen) Blumenstrauß beimisst. Adam kann also nichts weiter als Vertrauen in Eva setzen.

    Jeder kann das Beispiel gern nochmal mit einem selbstgemachten/gefundenen Schmuckstück durchspielen. Das verschwindet in jedem Fall nicht so schnell und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Adams Mühen nicht umsonst gewesen sind. Auch hier gilt: ist das schmucke Ding erst einmal runtergefallen oder sonstwie angeknabbert, sinkt der Wert und damit gleichzeitig der zu erwartende Gegenwert – zumindest bezogen auf die Hardware, der ideelle Part ist davon unabhängig. Der Faktor Zeit spielt eine gewichtige Rolle, denn alles auf der Welt ist vergänglich.

    Wenn aber alles vergänglich ist…

    …warum tun wir dann in unserem Geld- bzw. Bankensystem so, als ob eine (Geld-)Forderung nie an Wert verliert? Denn genau das ist der Fall, wenn eine Bank sozusagen „dazwischen hängt“.

    Auch dann wenn der Apfel laengst gegessen oder verfault ist, bestehen die Forderungen fort. Sie erhoehen sich sogar per Zins. Sogar fuer die bank faellt Gewinn aus Zinsdifferenzgeschaeften ab. Bis Adam sich entscheidet den Ruecken krumm zu machen zwei drei Kartoffeln auszugraben, diese zu verkaufen und mit dem Erloes die Schulden zu begleichen und somit die Forderungen aus der Welt zu schaffen. Genial! Oder?

    aus dem Kommentar von Georg Trappe zum vorangegangenen Beitrag zitiert

    Über das Gejammer der Inflation als schleichende Enteignung kann man sich mit diesen Hintergründen nur verwundert die Augen reiben.

     

     
    • bertrandolf 1:26 pm am Mai 10, 2014 Permalink | Antworten

      Die Frage ist doch, wie Adam die Forderungen (Blumenstrauss) bewertet und was er als Gegenleistung verlangt. Auch das Ausfallsrisiko kann er einkalkulieren, in die Bewertung aufnehmen und bilanzieren.

      Auch die Reziprozität bietet keine 100% Sicherheit. Auch wenn Adam und Eva total ineinander verliebt wären, so könnte Eva nach Erhalt des Blumenstrausses vor ein Auto laufen und tödlich verunglücken. Dann müsste Adam einen Totalausfall und müsste seine Forderung komplett abschreiben.

      • thewisemansfear 2:45 pm am Mai 10, 2014 Permalink | Antworten

        Reziprozität habe ich nur als Beispiel (zwischen-)menschlicher Beziehungen genannt. Gerade bei Geschenken ist das ja offensichtlich, denn die sind in der Regel freiwillig. Der Beschenkte fühlt sich aber meist „verpflichtet“, das „Forderungsverhältnis“ (technisch ausgedrückt) wieder halbwegs gerade zu rücken. Graeber hat das gut beschrieben.

        Sicherheit gibt es eben nie, jede Form von aufgenommenem Kredit ist im Grunde genommen ein abgegebenes Versprechen. Das Einschieben von Geld in diesen Prozess verändert aber etwas grundsätzlich:
        Nehmen wir an, Adam verkauft den frisch gepflückten Strauß an irgendjemanden und erhält dafür 3 Taler (Summe im Prinzip egal). Im Schuldgeld- oder Kreditgeldsystem steht jeder Summe Geld auch eine entsprechende Schuld gegenüber, d.h. die Bank hat diese 3 Taler Forderungen gegen irgendwem in den Büchern stehen. Bis dieser sie zurückzahlt.
        Der Blumenstrauß verwelkt, der Apfel verrottet, vom Auto blättert der Lack ab, egal was man nimmt, vom ursprünglichen Wert ist mit der Zeit immer weniger übrig (ohne zutun). Die Forderungen der Bank gegenüber dem Kreditnehmer (egal wer das nun war, ob der Käufer oder jemand anderes) bleiben jedoch in gleicher Höhe bestehen und müssen i.d.R. noch verzinst werden.

        Worauf ich hinaus will: auf zwischenmenschlicher Ebene (ohne Geld), strebt das Forderungsverhältnis (Sachleistungen/Forderungen) mit der Zeit immer einem ja, natürlichen Ausgleich entgegen. Einfach durch die Vergänglichkeit allen seins, um’s mal philosophisch auszudrücken. Wenn der Blumenstrauß verwelkt ist, wird sich Eva irgendwann vielleicht nicht mal mehr daran erinnern, dass sie damit bedacht wurde…
        Mit „Geld“ dazwischen ist immer noch alles vergänglich, nur die Forderungen bleiben davon unberührt. D.h. im Endeffekt müssen die Geld-Schuldner immer den Wert zum Kaufzeitpunkt abtragen. Die gekauften Dinge werden jedoch immer weniger wert, was sich natürlich auch in einer niedrigeren Bilanzierung niederschlägt. Das Geld – Schuldenpaar bleibt aber so lange bestehen, bis der Kreditnehmer den Kredit tilgt. Geldschulden werden also nur geringer, wenn sie durch die Arbeitskraft des Schuldners getilgt werden.

        Taugt das als Herleitung, warum immer mehr Geld/Schulden in der Welt immer weniger Sachleistungen entgegen stehen?
        Um den Wert von Dingen/Sachen zu erhalten, muss zudem zusätzlicher Aufwand/Energie aufgewendet werden. Also nochmal Arbeitsleistung + Ressourcen oben drauf…

        • bertrandolf 10:41 am am Mai 11, 2014 Permalink

          Das Problem sind die subjektiven Werte, die bei Reziprozität geschuldet werden. Zudem wird Reziprozität auch beim Marketing gezielt eingesetzt, um mit einem kleinen Geschenk im Vorhinnein, große Gewinne einzufahren.

          Bei der Inflation wird doch immer zwischen absoluten und relativen Wert unterschieden. Absolut bleibt der Geldbetrag gleich oder wächst durch Zinsen. Relativ kann die Kaufkraft sinken.

          Im Grunde ist die Inflation wie beim Schwundgeld, nur das es nicht absolut, sondern relativ entwertet wird. Nur beim Schwundgeld gibt es das Problem, das Menschen Verlustaversiv sind und wegnehmen schon bei den Steuern ein großes Drama sind.

        • thewisemansfear 11:39 am am Mai 11, 2014 Permalink

          Inwiefern ein „Problem“? Inflation wäre dahingehend (wenn ich es mit oben genannten verknüpfe) ein Versuch, den natürlichen Entwertungsprozess auch monetär nachzuvollziehen.
          Wer sind denn diejenigen, die Geldwertstabilität als oberstes Ziel propagieren? Doch die Gläubiger. Dem „kleinen Mann“, der sich abstrampelt, wird eingeredet, dass Inflation etwas Furchbares wäre. Dann will der auch noch einen Inflationsausgleich über die Löhne, igittigitt. Wenn das konsequent angewendet würde, würden die aufgenommenen Kreditsummen mit der Zeit ebenfalls an Gewicht verlieren – genau wie die realen Werte es auch tun.

          Ob ein Inflationsausgleich nun über Zinseinkommen, Lohneinkommen oder etwas anderes zustande kommt, ist eigentlich nebensächlich. „Wirtschaft“ an sich ist ein einziger riesiger Umverteilungsmechanismus. Es geht nur darum, wer etwas hinzugewinnt und wer etwas abgibt/verliert. Dazu passt der aktuelle Beitrag von deedl: http://deedls.blog.de/2014/05/09/unsichtbare-ameisenpfote-18415287/

          Volle Zustimmung zur Thematik absolut/relativ und verlustaversiv. Abgeben tut eben keiner gern. Es bleibt aber ein unwiderlegbarer Fakt, dass jedem (Macht-)Gewinn auch ein (Macht-)Verlust gegenüber steht. Sätze wie „the rising tide lifts all boats“ sind vor allem Verschleierung dieser Tatsachen. Siehe Georg Trappe’s „Fettaugensyndrom“ https://www.google.de/search?q=fettaugensyndrom&rlz=1C1NNVC_enDE490DE490&oq=fettaugensyndrom oder hier http://rwer.wordpress.com/2014/04/30/profit-from-crisis-why-capitalists-do-not-want-recovery-and-what-that-means-for-america/

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