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  • thewisemansfear 2:29 pm am November 29, 2014 Permalink
    Tags: , , Herdentrieb, , , Wirtschaftssystem   

    Das Ölkartell: dank Wettbewerbsideologie im Selbstzerstörungsmodus 

    „Ölpreis schmiert ab“ titelt das Handelsblatt in einer aktuellen Meldung. Schuld daran sei das Festhalten der OPEC an den aktuellen Fördermengen. Allen voran Saudi-Arabiens Ölminister Al-Naimi wird zitiert mit:

    „Niemand sollte kürzen, und der Markt wird sich von selbst stabilisieren.“

    Ahja, der Mann muss es wissen… Die Funktionsweise „des Marktes“ ist klar: düstere Zukunftsaussichten mit geringerer Öl- bzw. Energienachfrage bei gleichbleibendem Angebot bzw. Fördermenge drückt den Preis, bis das vielbeschworene Gleichgewicht im Markt wieder gefunden ist. Wie wunderbar dieser Mechanismus funktioniert, sieht insbesondere am Langfristchart sehr beeindruckend aus (Augenmerk um 2008 herum):

    2007/08 war man voller überschwänglicher Erwartungen in die wirtschaftliche Entwicklung (noch vollkommen untertrieben) – bis die Blase geplatzt ist. Jetzt verkehren sich die Vorzeichen, nur anstatt mit Förderkürzungen das Angebot zu verknappen, um den Preis möglichst stabil auf hohem Niveau zu halten (ist ja auch eine psychologische Maßnahme, die die Erwartungshaltung der Marktspezis erfüllen würde) passiert genau – nichts. Ist ein Kartell normalerweise dazu gedacht, durch unerlaubte Preisabsprachen den Preis für eine Sache künstlich nach oben zu treiben, steht die Wettbewerbsideologie dem nun konträr im Wege.

    Wie ist das erklärbar? Eigentlich ganz einfach, es ist wohl so ähnlich wie: Wer zuerst zuckt, hat verloren. Wer einseitig die Fördermenge verknappt, ohne dass der Rest mitspielt, gibt am Ende Marktanteile ab und im schlimmsten Fall verpufft die Reduzierung nahezu vollständig ohne Stabilisierungswirkung auf den Preis. So argumentiert denn auch Saudi-Arabien.

    Die Angst vor der Konkurrenz, die einen überrollt, wenn man nicht 110% gibt

    So wendet sich die Wettbewerbsideologie am Ende gegen die Systemprofiteure. Wäre eigentlich eine schöne Anekdote, wenn die Folgen für die gesamte Weltwirtschaft nicht so beträchtlich wären. Man muss sich das nur mal vor Augen halten: In Zeiten steigender Preise und berauschender Zukunftsaussichten kann sich niemand der Akteure erlauben, kürzer zu treten, man ist in ständiger Furcht davor, sonst Marktanteile an die Konkurrenz abzugeben. Also wird alternativlos aufs Gas getreten, neue Fördermöglichkeiten ersonnen und umgesetzt, nur um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Ich habe in der Solarindustrie den Boom live miterlebt, da gab es kein Durchschnaufen, nein, da wurden alle möglichen Anstrengungen unternommen, das bestehende System so gut es geht zu skalieren und die Produktionskapazitäten auszubauen. Blöd wird es dann, wenn man langsam realisiert, dass man hier ein Hamsterrad antreibt, was unter den eigenen Füßen ein Eigenleben entwickelt und einen umzureißen droht. Die Blase an übertriebener Erwartungshaltung ist geplatzt, man leckt sich immer noch die Wunden davon. Aktuelle Kapazitätsauslastung? Lieber nicht nachfragen…

    Sinken nun die Zukunftsaussichten, vermag es dank derselben Ideologie wieder der Einzelne nicht, dem sich in Gegenrichtung drehenden Hamsterrad zu entkommen. Wer nicht mitzieht, läuft am Ende Gefahr, Marktanteile abzugeben. Wir werden sehen, an welcher Stelle sich der Markt wieder von selbst „stabilisiert“.

    Folgen für die Weltwirtschaft

    In einer Wirtschaft, in der vor allem durch langfristige Anreizsysteme gesteuert wird, sind sinkende Preissignale bei Energie fatal. Kurzfristig bringen sie Entlastung bei den Verbrauchern, aber langfristig werden damit Investitionen in (jetzt noch) teure Entwicklungen unattraktiv und eingestellt. Die Ölproduzenten können ein Lied davon singen, etliche aktuelle Fördertechniken rentieren sich erst oberhalb einer gewissen Preisschwelle. Mal eben eine Öl-/Gasquelle abschalten und dann wieder aktivieren, wenn der Preis wieder genehm ist, funktioniert jedenfalls nicht.

    Als kurzes Fazit an dieser Stelle: Statt relative Preisstabilität mit langsam steigenden (oder fallendem) Verlauf sehen wir dank Wettbewerbsideologie ein kurz aufeinander folgendes Auf- und Ab von Über- und Untertreibungen. Das ist keine Wirtschaftsordnung, die langfristig überleben wird. Mit effektiver Ressourcenallokation hat das nichts im Entferntesten zu tun. Wenn man denn feststellt, dass der jetzige Talflug übertrieben ist, geht der Schweinezyklus von vorne los. Bis dahin sind aber reale Produktionskapazitäten verschwunden und müssen erst aufwändig wieder aufgebaut/aktiviert werden. Herdentrieb at its best.

    An einen ausführlicheren Beitrag zum Thema sei hier verwiesen: Trifft Russland Venezuela auf dem Weg zu einer zweiten OPEC?

    Update 08.12.: Auch Heiner Flassbeck hat das Sinken des Ölpreises in einem Radiointerview thematisiert: Der stark gesunkene Ölpreis: Ein ökologischer Rückschlag

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    • bertrandolf 10:13 am am November 30, 2014 Permalink | Antworten

      Das in der Marktwirtschaft ständig Schweinezyklen auftreten ist aber nicht unbedingt etwas neues.

      • thewisemansfear 3:48 pm am November 30, 2014 Permalink | Antworten

        Ich betrachte das aus der Sicht eines Ingenieurs. Und wenn es wie oben zu sehen zu einem solchen Schwingungsverhalten kommt, dann gehört im System eine Dämpfung nachgerüstet. Der Öl-/Energiepreis ist nicht irgendetwas. Der hat in unseren modernen Dienstleistungs- und Industriegesellschaften eine Schlüsselrolle inne.
        Der Abstand der einzelnen Zyklusphasen wird zunehmend kürzer, so ist keine langfristige Planung mehr möglich. Das führt das ganze (Wirtschafts-)System ad absurdum.
        Das sollte eigentlich rüberkommen.

        Schauen Sie sich diesen Beitrag von Chris Martenson an, diesen Gegebenheiten sollte der Energie-/Rohstoffpreis eigentlich Rechnung tragen: https://www.youtube.com/watch?v=is0Ww5lu6Pg

  • thewisemansfear 6:11 pm am August 13, 2014 Permalink
    Tags: Fettaugensyndrom, , Gewinn, Helmut Creutz, , Wirtschaftssystem, ,   

    Worin liegt der Unterschied zwischen Zins und Gewinn? 

    Hintergrund dieser Fragestellung ist der, dass die Zins- und Geldsystemkritiker gern am Zins rummäkeln, aber den Gewinn als „notwendig“ und unproblematisch erachten. Ich möchte den folgenden Beitrag nutzen, um auf die inkonsistente und ebenso inkonsequente Argumentation hinzuweisen, aber der Reihe nach.

    Kernargument der Zinskritiker ist, dass der „Zins fehle“, da er „nicht mitgeschöpft“ würde. Der Schuldner könne seine Schuld nie begleichen, es sei denn es würde immer weiter aufgeschuldet. Das resultiere in exponentiellem Schuldenwachstum, bis das System letztlich zusammenbricht. Dann wird meist Helmut Creutz in Feld geführt, der anhand der Zahlenreihen der Bundesbank empirisch belegt habe, dass Geld und Schulden exponentiell wachsen [siehe Grafik im Beispiel hier]. Weiter heißt es, dass sich durch Zinseszins bedingt eine rein mathematische Notwendigkeit ergebe, dass das System früher oder später implodiert. Untergangspropheten wie Weik & Friedrich erzählen diesen Unsinn, Dirk Müller, Franz Hörmann, Ken Jebsen und noch etliche mehr vertreten mittlerweile diese Auffassung. Auch ich bin anfänglich dieser Argumentation gefolgt, da ich sie zum damaligen Zeitpunkt stimmig fand. Schauen wir uns einfach ein Beispiel an. Entweder hier im Video (2-3 Min), wo Franz Hörman zu Wort kommt, oder ein anderes Kurzbeispiel in Textform:

    „Angenommen es gibt nur 2 Wirtschaftsteilnehmer. Ich gebe dir 100 Münzen. Mit Zinsschuld hast du Schulden von 102 Münzen bei mir. Dann gib mir mal mehr Geld zurück. Du darfst keine neuen  Münzen produzieren, nur dieses benutzen, die du von mir bekommen hast, denn das ist mein Hoheitsrecht. Ich werde nicht noch einmal einen Kredit vergeben. Wo bleiben meine 2 Münzen, die du mir schuldest.“ (übertragen aus einer G+ Diskussion)

    Das „System“ kann in der Tat so nicht funktionieren und würde scheitern. Nur ist die Zinsforderung an sich der Grund dafür oder bin ich es, der diese uneinbringbare Forderung stellt? Ist der Mechanismus bzw. das Werkzeug schuld, wenn es unsachgemäß verwendet wird? Einfach, oder? Es sind immer Menschen (in dem Fall ich) verantwortlich. Wenn ich dem Schuldner nicht die Möglichkeit gebe, den Betrag on-top bei mir zu verdienen, brauche ich den Vertrag (die Abmachung, o.ä.) gar nicht erst aufzusetzen. Es wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt.

    Sich über die Zeit akkumulierende Ungleichgewichte sind fatal für die Wirtschaft

    Nun ist das Beispiel mit 2 Teilnehmern alles andere als mit unserer komplexen arbeitsteiligen Wirtschaft vergleichbar, d.h. des einen Zinsgewinn fehlt zwar an anderer Stelle, gleicht sich im Optimalfall (stabiles System) über einen mittleren Zeitraum wieder aus. Was nicht funktioniert, ist, dass eine Partei ständig auf der Gewinnerseite steht und hortet, das ist in der Tat fatal. Es muss ein Ausgleich zwischen den Handelstreibenden geschaffen werden, sonst kommt es irgendwann zu Pleiten (von Schuldnern) und damit einhergehend zur Abschreibung von Geldvermögen (der Gläubiger). Es haben also prinzipiell ALLE Wirtschaftsteilnehmer ein Interesse an einem mittel- bis langfristigen Ausgleich. Die Profiteure auf der einen Seite müssen irgendwann erkennen, dass sie die angehäuften Gewinne auch wieder abgeben müssen, damit das Gesamtsystem stabil bleibt. Sollten sie diese Einsicht nicht haben und ihre Pfründe mit Zähnen und Klauen verteidigen wollen, müssen sie von der Gemeinschaft „überzeugt“ werden, dass dies in aller Interesse ist. Aktuelles Beispiel sind die nutzlos angehäuften liquiden Mittel deutscher Dax-Unternehmen. Diese ergeben dort einfach keinen Sinn, da sie augenscheinlich nicht für Investitionen verwendet werden.

    Festzuhalten ist, dass es keinen Automatismus gibt, der in einem exponentiellen Anwachsen von Geldvermögen (und Schulden spiegelbildlich) resultiert. Nur wenn man den Zinseszins wirksam werden lässt, kommt die Problematik zum Tragen. Die aktuelle Steuergesetzgebung ist problemverstärkend, anders war dies nach dem 2. Weltkrieg mit Lastenausgleich und weit höheren Spitzensteuersätzen. Die als „neoliberal“ verschrieene Deregulierungspolitik hat das Problem zusätzlich verschärft. Leistungslose Einkommen sind durch nichts gerechtfertigt. Würden diese beseitigt bzw. vernünftig besteuert, wäre das ein großer Schritt in die richtige Richtung.

    Auch selbsternannte Experten verwirren lieber, anstatt aufzuklären

    Das Beispiel von Hörmann krankt an der Stelle, wo er behauptet, es könne entweder nur durch Neuverschuldung oder Bankrott eines Teilnehmers „funktionieren“. Das ist Unsinn, denn die bislang an die Bank bezahlten Zinsen sind ja nicht plötzlich weg – werden von ihm aber verschwiegen. Ja, auch eine Bank hat Ausgaben (u.a. Gehälter der Angestellten, Mieten, Sonstiges), so fließt im Normalfall das Geld wieder in die Wirtschaft zurück. Außerdem ist es realitätsfremd anzunehmen, dass sämtliche Kredite gleichzeitig fällig gestellt würden. Da könnte man sich auch gleich hinstellen und auf die Problematik eines Bankruns hinweisen. Das geht auch schief, wenn alle zugleich auf Bargeld zugreifen wollen. Trotz dass das jede(r) weiß, gehen die Menschen weiter ihren normalen Geschäften nach, einfach weil es im Normalfall völlig irrelevant ist. Es gibt immer (technische) Randbedingungen, die ein System zum Einsturz bringen können, die sichert man deswegen einfach ab und behält sie im Auge.

    Kritik am vorgeblich fehlenden Zins gibt es

    Menéndez spricht zugleich einen wichtigen Sachverhalt mit an, der zu dem Missverständnis des angeblichen Fehlens führt: die fehlende Unterscheidung von Bestands- und Stromgrößen. Definitiv lesenswerter Artikel, ich möchte das an dieser Stelle nicht alles wiederholen.

    Horten von Geld ist das eigentliche Problem

    Problematisch ist das Horten von Geldbeträgen, denn das verunmöglicht die Begleichung der Verbindlichkeiten des Schuldners. Der Witz ist, das man Sparen (ohne Investitionsziel) auch dazu zählen kann. Wird nicht wieder entspart, bleibt das Geld der Wirtschaft entzogen und die Grundgleichung „des einen Ausgaben sind eines anderen Einkommen“ geht nicht mehr auf. Wenn mehr gespart als investiert wird, erhält man eine Tendenz hin zu Deflation.

    In der globalisierten Welt fällt das nicht sofort auf, Hörmann spricht es oben im verlinkten Video auch an: Wenn überall doppelte Buchführung praktiziert würde, könnte man jedem Gewinn auf der einen Seite einen spiegelbildlichen Verlust auf der anderen Seite zuordnen. Dass dies nicht durchgängig gemacht wird, trägt dazu bei, diesen Zusammenhang zu verschleiern und die Beteiligten über die ständig ablaufende Umverteilung im Unklaren zu lassen.

    Empirische Korrelation verleitet zu Fehlschlüssen

    Aber was ist nun mit den stetig (augenscheinlich exponentiell?) wachsenden Geldvermögen und Schulden? Zinseszins führt nunmal zu einer exponentiellen Kurve, das muss doch der Grund sein…

    Nein, ein empirischer Beweis ist so gut wie unmöglich. Die Grafik im folgenden Beitrag sagt im Prinzip schon alles aus:

    “correlation does not imply causation” wird zugespitzt auf “Correlation does not even imply correlation”

    Mittels Empirie kann praktisch kein „Beweis“ über ursächliche Zusammenhänge erbracht werden. Das ist zugegeben keine schöne Aussicht für eine „wissenschaftliche“ empirische Beweisführung… Hier noch der Verweis aufs Original, gibt auch etliche interessante Kommentare. Daraus z.B. dieser Lesenswerte, dass die Auswahl der Stichprobe entscheidet, was man als Ergebnis erhält. Teilweise verkehrt sich die Aussage ins Gegenteil! Was für Unsinn mit Korrelationen getrieben werden kann, zeigt Tyler Vigen mit „spurious correlations“.

    Die unterschiedliche Beurteilung von Zins und Gewinn ist bedingt durch die Sichtweise

    Damit sind wir ausgehend vom Thema Zins beim allgemeineren Begriff Gewinn angekommen. Es heißt ja nicht umsonst Zinsgewinn, denn letztlich ist der Zins nur ein leistungsloser Gewinnbestandteil. Wenn jemand Rohstoffe sammelt und diese für 100 Geldeinheiten verkauft, der Nächste bei der Verarbeitung einen Gewinn oben draufschlägt, dann sei dieser gerechtfertigt. Es wird ja Mehrwert geschaffen – nur – wer klamüsert da auseinander, was real an Wert hinzugewonnen und was on-top noch aufgeschlagen wurde? Was ist mit jemandem, der als Zwischenhändler fungiert und trotzdem etwas aufschlägt? Ist das gerechtfertigt? Warum sehen nun ausgerechnet die Zinskritiker diese Problematik nicht?

    Das Problem ist die Sichtweise. Bei den Zinsen wird auf das Gesamtsystem geschaut, dort „fehlen“ sie augenscheinlich irgendwo, daher könne es nicht funktionieren. Beim Gewinn wird aber auf den einzelnen Wirtschaftsteilnehmer und durch dessen Brille geschaut.

    „Im ersten Schritt ist der Unternehmensgewinn der Lohn für die wirtschaftliche Aktivität des Unternehmers.“

    Ja, nur genauso ließe sich für den Zins argumentieren, dass dieser im ersten Schritt eine Leihgebühr für Nichtnutzung sei. Aber wo kommt der Gewinn her? Den muss ebenfalls irgendjemand bezahlen. Und wenn das Einkommen der Kunden nicht ausreicht, kann kein Gewinn erzielt werden. Gewinn (inkl. Zinsgewinn) lässt sich nur durchsetzen, wenn die Einkommenssituation der Kunden diesen auch hergibt. Hier sind wir wieder an der Stelle mit dem Hinweis von Franz Hörmann, dass wenn alle Wirtschaftsteilnehmer doppelte Buchführung machen würden, man direkt sehen könnte, wie der Gewinn auf einem Konto direkter Verlust auf einem anderen Konto bedeutet. Damit wäre auch der Kreis zum Fettaugensyndrom geschlossen, denn sich akkumulierende Gewinne führen zu Machtkonzentration und letztlich der Schwächung bzw. Abschaffung von sinnvollem Wettbewerb unter gleichwertigen Teilnehmern. Kleines Gedankenspiel am Ende:

    Man stelle sich ein Wirtschaftssytem mit 3 Teilnehmern vor, visualisiert durch 3 nebeneinander aufgereihte Gläser. Die Startbedingungen sind für alle identisch, d.h. wir füllen alle Gläser halbvoll. Nun wächst die Wirtschaft in einem Jahr um 10% (Zahl ist egal). Jeder Wirtschaftsteilnehmer bekommt daher einen gleich großen Schluck dazu. Alles toll, könnte für ewig so weiter gehen, richtig? Nicht ganz, denn die 10% Gesamtwachstum sind der Durchschnittswert. Teilnehmer 1 hat es z.B. geschafft 15% zu erreichen, T2 10% und T3 nur 5%. Jetzt haben wir aber schon überall gleichmäßig den Schluck hinzugefüllt, wie kommt T1 nun auf seinen Anteil? Logisch, den saugt er von T3 ab. Wenn sich dieses Spiel nur oft genug in der gleichen Konstellation wiederholt, tun sich mit der Zeit enorme Größenunterschiede bzw. Machtgefälle auf. Interessant wird es, wenn die durchschnittlichen Wachstumsraten so niedrig sind, dass der Gewinn an der Spitze, die Substanz in den hinteren Reihen absaugt. Jeder Gewinn über dem Durchschnitt sorgt dafür, dass sich das Machtgefüge zugunsten des „Gewinners“ verschiebt. Geht es dabei längerfristig einseitig zu, bilden sich bekannte oligopolistische Konzernstrukturen und solche Vermögensverteilungen heraus.

    Eben diesen Trend gilt es wieder rückgängig zu machen, auch gegen Widerstände der bisherigen Profiteure. Wenn wir das nicht willentlich hinbekommen, wird es früher oder später in einem lauten Knall enden


    update zum Beispiel mit den 3 Gläsern: Um den Umverteilungscharakter von „Gewinn“ überdeutlich zu machen, nehme man einfach ein Gesamtwachstum von 0 an (kommt der Realität ja gerade sehr nahe). Der Teilnehmer, der trotzdem noch 1..x% Gewinn macht (über Durchschnitt!), saugt diesen Anteil definitiv von der Substanz der restlichen Teilnehmer ab. Gedankliche Verrenkungen („Wer hatte welchen Anteil zuerst“? siehe Kommentare) braucht man dann nicht mehr anstellen.

     
    • Timo Ollech 8:33 pm am August 13, 2014 Permalink | Antworten

      Und wie ich an anderer Stelle schon ausgeführt habe, ist sowieso nicht der Zins an sich das Problem (denn Kredite können ausfallen), sondern lediglich seine Garantie: http://www.iromeister.de/der-zins-ist-nicht-das-problem-sondern-seine-garantie
      Wird der Zins als möglichst realistische Risikoprämie gehandhabt, die in Summe die vermuteten Zahlungsausfälle einzelner Schuldner auf alle Schuldner umlegt, dann kommt per Saldo ein Wachstum von Null heraus.

      • thewisemansfear 9:21 pm am August 13, 2014 Permalink | Antworten

        Jau, da hast Du recht. Zinskritiker gehen zumeist von einer Art „Gottgegebenheit“ des (Guthaben-)Zins aus. Aber das wird einem ja in den Medien geradezu eingebläut. Dass der sich dynamisch an die äußeren Gegebenheiten anpasst und nicht einfach „blind“ von der ZB (Leitzins als untere Schranke) gesetzt wird, muss man erstmal verstehen.
        Danke für den Link, werde den Beitrag und den von Helmut Reinhardt noch im Text einfügen. Super Ergänzung und wirklich gut strukturiert.

        Das Problem ist nicht wirklich, dass das Wissen nicht da wäre. Es versandet nur immer wieder aufs Neue irgendwo im Wust aus dauernd neu einprasselnden Meldungen… Dann ist es natürlich schwer zu finden.

    • Stephan Goldammer 3:04 pm am August 14, 2014 Permalink | Antworten

      Viele deiner angesprochenen Punkte nehme ich seit Jahren als (endlose) Diskussion in den Internet-Communitys wahr und habe versucht sie in dem Artikel „Irrtümer über Geld, Zins und Kredit“ zusammenzufassen und Schritt für Schritt zu beantworten und aufzudröseln => https://plus.google.com/106110585362718948544/posts/dj1Zf3W5GGJ

      • thewisemansfear 5:31 pm am August 14, 2014 Permalink | Antworten

        Danke für den nochmaligen Hinweis. Bei Punkt 5 kann ich allerdings (wie einige deiner Kommentatoren auch) nicht zustimmen.
        Bitte schau Dir mal meinen vorangegangenen Beitrag über das Weltwährungssystem und die Geldsystem-Hierarchien an, den können wir als Diskussionsgrundlage zum Thema „Geld ist kein Ding“ nehmen. Du hast da wahrscheinlich zu viel bei soffisticated „übernommen“, aber die juristischen Spielereien machen aus Geld noch kein Ding.

    • Georg Trappe 10:53 am am August 15, 2014 Permalink | Antworten

      Hier noch ein passender Artikel der verlaengerten Achse des Guten zum Thema:
      http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2014-08/vermoegen-us-konzerne-steuergesetze-ungleichheit

      Der Apple CEO Tim Cook durfte zu diesem Thema auch schon vor dem Senat aussagen:
      http://www.bostonglobe.com/opinion/2013/05/26/congress-grills-apple-ceo-tim-cook-for-complying-with-rules-wrote/mnuQMbT0x8VtpWU1DZoQWI/story.html

      Wenn man das Finanz- / Geldsystem isoliert betrachtet, dann ist das Horten von Geld tatsaechlich ein Problem, welches zum Zusammenbruch fuehren kann, wenn nicht gegengesteuert wird.

      Wenn man aber weiter generalisiert und das Finanzsystem als Bestandteil der Wirtschaft betrachtet, dann stellt man fest, dass das allgemeine Streben nach „Mehr“, also nicht nur das Streben nach mehr Geld sondern auch das Streben nach mehr Realvermoegen in Verbindung mit dem „Erfolgsrezept“ der kontinuierlichen und konsequenten Reinvestition von Ueberschuessen mit dem Ziel der Mehrung von Vermoegen nicht nur zu Wachstum sondern auch zu den Konzentrationsprozessen fuehren, die kennzeichnend und letztendlich verheerend fuer die vorherrschende Wirtschaftsweise sind.

      • Georg Trappe 2:59 pm am August 15, 2014 Permalink | Antworten

        Es hilft also weder die Setzung durch VWLer, die ja behaupten Ersparnisse=Investitionen, noch die Schleusung der Geldvermoegen in irgendeinen Verschiebebahnhof nach der Art Finanzcasino, Boerse o.ae.. Vielmehr fuehren alle Transaktionen, die der Gewinnerzielung (real und/oder monetaer) dienen, also jeweils einen Gewinner und einen Verlierer generieren (der eine hat nach der Transaktion etwas mehr und der andere etwas weniger Vermoegen, d.h. die Renditen streuen) zum Fortschreiten der Konzentrationsprozesse.

    • Stephan Goldammer 3:27 pm am August 17, 2014 Permalink | Antworten

      „Jetzt haben wir aber schon überall gleichmäßig den Schluck hinzugefüllt, wie kommt T1 nun auf seinen Anteil? Logisch, den saugt er von T3 ab.“

      Hier setzt derjenige aber voraus, dass erst alle 10 % mehr haben und danach ein absaugen geschieht, sozusagen erst vor, dann zurück (bei T3). Aber dies ist seine persönliche Interpretation, man könnte es auch anders betrachten, nämlich dass T3 vorrückt auf 5 %, T2 auf 10 % und T1 auf 15% – und erst jetzt der Durchschnitt gebildet wird.

      • thewisemansfear 3:56 pm am August 17, 2014 Permalink | Antworten

        Natürlich, aber das ist doch mathematische Spielerei. Aufgezeigt werden sollte, dass Wachstum „über Durchschnitt“ zu einer relativen Machtverschiebung führt. Wenn das über einen längeren Zeitraum anhält, festigt sich diese Machtstruktur. Georg Trappe hat das treffend als „Fettaugensyndrom“ bezeichnet. Die oligopolartigen Konzernstrukturen sind letztlich Ausdruck dessen.

        Der viel offensichtlichere Fall ist der, wenn das Gesamt-Wachstum so niedrig ist (sagen wir 2%), dass die Raten an der Spitze (vielleicht 5%) von der Substanz der „Verlierer“ kommen. In dieser Situation befinden wir und gerade.
        Am unteren Ende der Fahnenstange wird man noch so lange still halten, wie Jahr für Jahr noch ein wenig mehr auf dem eigenen Teller landet. Das ist aber vorbei, wenn die eigene Portion auch für den Letzten ersichtlich schrumpft.
        Umverteilt wird ständig, Stabilität bekommen wir aber nur, wenn sie sich im Mittel wieder ausgleicht. Primär müssen eben solche Konzentrationsprozesse verhindert werden. Es ist überall so, wenn eine Partei zu viel Macht über eine andere erhält, ist das Fundament eines gerechten Miteinanders gefährdet. Dafür gibt es Gewaltenteilung, etc., aber wir sehen ja, wie „gut“ die funktioniert.

        • Stephan Goldammer 5:57 pm am August 17, 2014 Permalink

          „Jeder Wirtschaftsteilnehmer bekommt daher einen gleich großen Schluck dazu. Alles toll, könnte für ewig so weiter gehen, richtig? Nicht ganz, denn die 10% Gesamtwachstum sind der Durchschnittswert. Teilnehmer 1 hat es z.B. geschafft 15% zu erreichen“

          Da jeder 10% Schluck (reale Schluck) dazubekommt, kann T3 nicht 5% bekommen. Sie müssten das Beispiel anpassen. So ist es nicht klar.

          Sie können nicht sagen, am Ende des Jahres hat jeder 10% reale Schluck und gleichzeitig hat am Ende des Jahres nicht jeder 10% reale Schluck. Da verschluckt man sich logisch.

        • thewisemansfear 6:26 pm am August 17, 2014 Permalink

          Sind wir jetzt wieder beim „Sie“? Bleiben wir doch bitte beim Du 🙂
          Das mag sein, aber ich habe lediglich den Umverteilungscharakter deutlich machen wollen. Wer sagt denn, dass diejenigen an der Spitze von vornherein ein größerer Anteil zustehen würde? Das nehmen wir aus einzelwirtschaftlicher Sicht der sog. „Leistungsträger“ an, sonst nichts. Sieh das Beispiel als Kontrast, wie man es auch sehen könnte, nur aus anderem Blickwinkel. Am Endresultat unterscheidet es sich in keinster Weise.

    • Stephan Goldammer 3:40 pm am August 17, 2014 Permalink | Antworten

      „denn letztlich ist der Zins nur ein leistungsloser Gewinnbestandteil.“

      Der Zins erscheint dir (u. v. anderen) als „leistungslos“ weil du/sie nicht sehen (im wörtlichen Sinne), dass eine Risikoübernahme eine Leistung ist. Man könnte auch sagen, der Groll auf Versicherungen (inkl. Banken) ist so groß, weil die „nichts leisten“, die gehen nicht (sichtbar) „arbeiten“ usw. Aber ausgefallene Kredite (bzw. die Erwartung auf noch auszufallende Kredite) erfordert eine Versicherungsprämie, die von allen zu zahlen ist, ähnlich der KFZ-Haftpflichtversicherungsprämie. Wie ich bereits an andere Stelle gezeigt habe, sind die Gewinne von Banken lächerlichst gering. Die Stadtsparkasse München hat 16 Milliarden Euro Bilanzsumme und 40 Millionen Euro Gewinn, also 0,25%.

      Mein obiger Post klingt etwas seltsam, weil ich dachte dies wäre ein Zitat (der graue Kasten) von jemand anderem, aber der Text stammt von dir, sehe ich gerade.

      • thewisemansfear 4:12 pm am August 17, 2014 Permalink | Antworten

        Puh, für mich sind das alles Absicherungsgeschäfte. Versicherungen, erst recht eine Zwangs-KFZ-Haftpflicht ist nichts weiter, als dass alle KFZ-Halter in einen großen Topf einzahlen, wo dann im Schadensfall Einzelne wieder etwas entnehmen. Da findet keinerlei Wertschöpfung statt, das ist eine Risikoübernahme durch die (Einzahler-)Gemeinschaft. Das sehe ich auf Kreditausfallrisiken übertragen genauso, daher „leistungslos“ im Sinne von keinerlei Wertschöpfung.

        Zur Stadtsparkasse München: Gibt es eine Bank, die ihren Gewinn als Anteil ihrer Bilanzsumme ausweist? Ist es nicht so, dass die immer die Gewinnquote aufs Eigenkapital in den Vordergrund rücken? Die DB fabuliert ja lieber von ihren 25% auf EK, als von 0,x%? (kenne die genaue Zahl nicht) aufs aufgeblähte Bilanzvolumen.
        Das was die als Gewinne ausweisen, ist ja bereits um Löhne/Gehälter der Angestellten + Boni! und sonstige Ausgaben für neue Türme, etc. gemindert. Klein rechnen geht recht einfach, machen die großen Konzerne ja großflächig auf der internationalen Spielwiese.

        • Stephan Goldammer 6:09 pm am August 17, 2014 Permalink

          Die Wertschöpfung liegt darin, dass ohne Zins der reibungsloses Zahlungsverkehr nicht gewährleistet wäre, da Banken dann beim ersten Kreditausfall pleite wären. Denn ohne Zins-Topf aus dem man sich bedienen kann, ist sofort Ende. Die Wertschöpfung liegt darin, dass Banken ein leichtgängiges und reibungsloses Geld-Wirtschaften ermöglichen – und dies können sie nur, wenn ausgefallene Kreditnehmer nicht sofort die Bilanz zum Einsturz bringen.

          Da aber Geld immer noch als unverschwindbares Goldstück gesehen wird, dass von A nach B wandert ist den Leuten auch nicht verständlich zu machen, das Geld bzw. Kredit sich „auflösen“ kann. In einem „Goldstück-Denken“ gibt es nur das „Risiko des Diebstahls“ (welches gesellschaftlich akzeptiert ist).

        • thewisemansfear 6:47 pm am August 17, 2014 Permalink

          Ohne Zins-Topf (ist damit das Einlagengeschäft gemeint?) ist sofort Ende?
          Wie das? Über den GB steht immer noch die ZB zur Refinanzierung bereit, neben dem Interbankenmarkt. Im Fall, dass geschaffene Buch- bzw. Giralgeld ist nicht abgeflossen (zugegeben unwahrscheinlich), greift die Bank auf die Sicherheiten des Kreditnehmers zurück und fertig. Sollte da nichts zu holen sein, muss sie das irgendwie in ihren Büchern wertberichtigen. Keine Ahnung, wie das konkret ablaufen würde.

      • Timo Ollech 4:14 am am August 18, 2014 Permalink | Antworten

        Dazu empfehle ich, mal eine Weile über den Tatbestand des Risikofreien Zinssatzes zu meditieren.
        Wär ja echt schön, wenn der Zins eine reine Risikoprämie wäre – das ist er aber mitnichten, sondern eben doch ein Umverteilungsmechanismus.

    • Grilleau 3:56 pm am September 3, 2014 Permalink | Antworten

      … der Knackpunkt ist aber, dass das Geld zwar aus dem Nichts kommt, dennoch aber mit Werten hinterlegt wird, eben mit den Sicherheiten. Und wenn der Kreditnehmer nicht mehr zahlen kann, sagt die Bank nicht etwa: „na, dann machen wir den Buchungssatz eben wieder rückgängig“, nein: die Bank greift dann auf die Sicherheiten zu, die ihr zugeschrieben werden, weil sie Geld verliehen hatte, dass sie eigentlich gar nicht hatte (also keine Spargelder anderer Kunden, für die die Bank eine Sorgfaltspflicht hätte).
      Wird der Kredit allerdings bedient, dann erhält die Bank über Jahre Zinsen, nur dafür, dass sie eine kurze Buchung und etwas Kreditprüfung ausführte. Und das mit den Zinsen muss man dann gesamtsystemisch sehen, das Geld dafür ist ja jedes Jahr aufs Neue erstmal nicht da. Sollen die Kreditketten nicht reißen, muss sich irgendwer immer weiter verschulden, damit neues Geld in den Kreislauf kommt .. – ergibt den wirtschaftl. Mindestwachstumszwang in Höhe der insges.-Zinsen, und dieser Betrag bringt der Allgemeinheit jedesmal wenig, der landet nur bei den Vermögenden, nur wenn das Wirtschaftswachstum größer ist, als die Gesamtzinsbelastung p.a., dann wächst dabei der Wohlsstand im Lande insgesamt.
      Leider kann eine Wirtschaft langfristig bestenfalls in etwa linear wachsen, die Kurve der Vermögen/Schulden verläuft exponentiell, erst langsam, irgendwann fast senkrecht nach oben – Anfang der 1990er durchbrach die Vermögens/Schulden-Kurve die lineare Wachstumskurve, seither wachsen nur noch die Vermögen/Schulden, während die Mittelschicht ausdünnt etc etc … – das ist die reine mathematische Geldwesenproblematik heute. Das ist die übermächtige Basis, die alle in ihren Überlegungen zugrunde legen sollten, denn erst, wenn man da was dran anders regelt, können die humanistischen Ziele irgendwann wirklich immer mehr verwirklicht werden. Einstein hatte den Knackpunkt schon begriffen.

      https://www.spk-ro-aib.de/privatkunden/zins_und_boerse/thema_des_monats/zinseszinseffekt/index.php?n=/privatkunden/zins_und_boerse/thema_des_monats/zinseszinseffekt/

      • thewisemansfear 5:53 pm am September 3, 2014 Permalink | Antworten

        „Wird der Kredit allerdings bedient, dann erhält die Bank über Jahre Zinsen, nur dafür, dass sie eine kurze Buchung und etwas Kreditprüfung ausführte. Und das mit den Zinsen muss man dann gesamtsystemisch sehen, das Geld dafür ist ja jedes Jahr aufs Neue erstmal nicht da.“
        Zinsen und Gewinn können nur aus dem laufenden Einkommen beglichen werden. Wenn es das nicht hergibt, dann ist das System am Ende, da sind wir uns einig. Nur endet „der Weg des Zinses“ nicht einfach in der Bank. Was meinen Sie, woher das Geld für die Guthaben kommt, wie die Angestellten bezahlt werden, usw.? Es wird immer und ständig umverteilt.
        Das „erstmal aufs Neue nicht da“ kommt von den Inselbeispielen, wo es nur wenige Teilnehmer gibt und alle auf einen Schlag zurückzahlen müssen. Das ist fern der Realität.
        Mittel- und Langfristig muss es einen Ausgleich zwischen Zinsgewinnern und -verlieren geben, sonst erhält man Vermögenskonzentration bei einigen Wenigen und den Ausgleich per Krieg/Crash/Revolution.
        Nicht der Zinsmechanismus ist daran schuld, sondern der Unwillen der „Dauersparer“, wieder zu entsparen.
        Schauen Sie sich bitte die Abschnitte zum Horten von Geld und den Fehlschlüssen durch Korrelation nochmal an. Zumal es Zinseszins nur auf Guthaben, nicht aber bei Schulden gibt (dort ist er sogar verboten). Das passt alles hinten und vorne nicht.

        • Timo Ollech 10:15 pm am September 3, 2014 Permalink

          Allerdings: Gerade der Zinseszins auf Guthaben verleitet die Sparer dazu, immer weiter sparen zu wollen, weil es dann ja exponentielles Guthabenwachstum gibt. Wer verzichtet darauf schon freiwillig? Und das funktioniert im Gesamtsystem nur, wenn auch die Schulden exponentiell ansteigen. Zu diesem Zweck werden uns deshalb Kreditkarten und Asset Backed Securities schmackhaft gemacht.

        • thewisemansfear 9:19 am am September 4, 2014 Permalink

          Ja, aber der Punkt ist, dass sich daraus keine Kritik am Zinseszins an sich ableiten lässt. Das ist ein reiner Mechanismus, den (manche) Menschen für sich nutzen. Das ist wie als würde ich dem Hammer (als Beispiel für ein Werkzeug) die Schuld dafür geben, dass ich mir auf den Finger geschlagen habe.
          Wer ist schuld? Der Bediener des Werkzeugs natürlich. Das sind immer Menschen.
          Muss man wegen des Gefahrenpotentials des Hammers (kann ja schwere bis tödliche Verletzungen verursachen), diesen nun verbieten? Natürlich nicht, aber man muss den/die Nutzer über die Gefahren aufklären, um eine unsachgemäße Verwendung zu verhindern.

          Niemand bestreitet die potentiellen Gefahren des Zinseszins-Wachstums. Nur damit bin ich lange nicht bei der Ursache der heutigen Probleme.

  • thewisemansfear 5:56 pm am June 25, 2014 Permalink
    Tags: ergodisches Axiom, , , , , , Wirtschaftssystem   

    Interlude: Wettbewerbslogik 

    Als Einschub ein paar teils aktuelle Zitate mehr oder weniger prominenter Personen rund um das Thema Wirtschaft & Wettbewerb:

    „Ich glaube, wir sind in einem Weltwirtschaftssystem, das nicht gut ist… Wir haben das Geld in den Mittelpunkt gestellt, den Geldgott. Wir sind in den Götzendienst des Geldes verfallen… Wir schließen eine ganze Generation aus, um ein Wirtschaftssystem aufrecht zu erhalten, das nicht mehr zu ertragen ist. Ein System, in das Krieg führen muss, um zu überleben…“ (QuellePapst Franziskus

     

    „Ihr Modell [das von EU-Kommission und deutscher Regierung, Anm.] für die Weltwirtschaft sieht so aus, dass es darum geht, die Einkommen zu Hause möglichst gering zu halten. Den Binnenmarkt ins künstliche Koma versetzen: Sie nennen das Wettbewerbspolitik.Wenn aber am Ende die Binnenmärkte überall eingeschläfert sind – wo sind dann die Exportmärkte? Und soll das wirklich ein Geschäftsmodell zwischen Staaten sein, zu sehen, wer dem anderen besser die Butter vom Brot klaut? Vielleicht schert sich Europa in Wahrheit ja einen Dreck um gemeinsame Interessen der Weltwirtschaft und der Bevölkerungen und möchte einfach nur auf Kosten anderer – schmarotzen?“ (QuelleErik Jochem

     

    „The deeper message is that mainstream economics is in fact an ideology – the ideology of the free market. Its tools and assumptions define its topics. If we assume perfect rationality and complete markets, we are debarred from exploring the causes of large-scale economic failures. Unfortunately, such assumptions have a profound influence on policy. The efficient-market hypothesis – the belief that financial markets price risks correctly on average – provided the intellectual argument for extensive deregulation of banking in the 1980s and 1990s. Similarly, the austerity policies that Europe used to fight the recession from 2010 on were based on the belief that there was no recession to fight. These ideas were tailored to the views of the financial oligarchy. But the tools of economics, as currently taught, provide little scope for investigating the links between economists’ ideas and the structures of power.“ (QuelleRobert Skidelsky

     

    „Da wird nicht geguckt, ob ein bestimmter Markt irgendwas hergibt oder ob es in diesem Markt Veränderungen gibt, die entweder für ne bestimmte Zeit oder strukturell dafür sorgen, dass in diesen Märkten so viel Geld verdient werden kann, nein, das gibt’s nicht. Jedes Jahr 10% mehr – wie Du das machst ist mir egal. I don’t care how you do it.“

    „Selbst wenn man anguckt, welche Semantik heutzutage benutzt wird: Die Märkte!
    Es gibt nicht die Märkte! Wir tun so, als wäre das irgendeine gotthafte Kraft, die über uns hereinbricht. „Die Bank oder die Firma hat entschieden -“ Nein! Da entscheiden Menschen. Und wenn man den Menschen sagt: „Hör damit auf!“ Dann hören die damit auf. Das muss man nur in der richtigen Art tun.“ (QuelleRainer Voss, aus „Der Banker – Master of the Universe“

     

    „Was in der neoklassischen Theorie grundlegend falsch läuft, hat Paul Davidson (unter anderem in dem Buch „Handelt jetzt“) das ergodische Axiom genannt, die Annahme nämlich, dass sich die Wirtschaft wie die Satelliten auf klar festgelegten Bahnen bewegt: Hat man die Bewegungsgesetze einmal durchschaut, müssen sie nur noch mathematisch formuliert werden, um aus der Ökonomik eine Wissenschaft zu machen. Wer jetzt den Piketty-Hype mitmacht, begibt sich genau auf diesen Weg und damit auf einen der ältesten Holzwege der Ökonomen überhaupt.“ (Quelle) Heiner Flassbeck

     

     

    Um den Brückenschlag zurück zum Thema Ressourcen hinzubekommen, in Kalifornien und angrenzenden Bundesstaaten verschärft sich der Wettbewerb um kostbares Nass: Wie die LA Times berichtet, reichen die Zuflüsse im und um den Colorado River wohl langfristig nicht aus, die angrenzenden Metropolen zu versorgen. Was hat nun Vorrang: Energieerzeugung, Bewässerung von Feldern oder Versorgung der Einwohner? Fakt ist wohl, dass, so lange das Wasser reichhaltig floss und für alle mehr als genug vorhanden schien, sich niemand groß Gedanken um die Zukunft gemacht hat. Erst recht war kein Anreiz da, sparsam damit umzugehen. Erst mit einer Verknappung der Ressourcen sieht man sich zum Handeln gezwungen. Wasser kann man nun nicht einfach irgendwo aus dem Hut zaubern, daher wird man sich etwas einfallen lassen müssen, wie das Verbrauchsniveau nachhaltig an die verfügbaren Zuflüsse angepasst wird. Beim Thema Energie wird das erst recht spannend.

     

    PS: Gail Tverberg hat es mit ihrem letzten Blogbeitrag über die Problematik unseres vernetzten Wirtschaftssystem bis auf zerohedge geschafft.
    —Klitzekleines Update beim Zitat von Rainer Voss, habe den Film endlich komplett geschaut. Sehenswert!—

     
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