Schlagwörter: Wachstumskritik Kommentarverlauf ein-/ausschalten | Tastaturkürzel

  • thewisemansfear 11:24 am am June 18, 2014 Permalink
    Tags: Daniele Ganser, , , , Herman E. Daly, , , Wachstumskritik,   

    Der Zusammenhang von Energie und Wirtschaftswachstum 

    Auf dem vorigen Beitrag aufbauend geht es heute um die Frage, inwieweit Wirtschaftswachstum Grenzen gesetzt sind. Ökonomen beschränken sich leider allzu oft nur auf die monetäre Ebene. Zu Beginn eine kurze Einführung zum Thema Wirtschaften – was geschieht da eigentlich? Menschen erbringen Arbeitsleistung unter Einsatz mehr oder weniger körperlicher Anstrengung (teilweise durch erhebliche technische Hebel „verlängert“) und veredeln dabei Rohstoffe zu höherwertigen Endprodukten. Es kann sich dabei auch nur um einen Teil einer komplexen Wertschöpfungskette handeln, das ist unerheblich. Je nachdem wie hochwertig dieser Veredelungsprozess ist (bzw. angesehen wird), trägt er mehr oder weniger stark zu einem Mehrwert, also Wirtschaftswachstum bei. Ganz profan kann man natürlich auch einfach den Output steigern. Wenn Unternehmen eines können, dann ist es die Skalierung des Ausstoßes. Wir haben aber eine wichtige Komponente noch nicht genannt, die Voraussetzung jeglichen Wirtschaftens ist: Energie. raw-materials-energy-finished-product Da wir aus dem letzten Beitrag gesehen haben, dass alle Dinge einem natürlichen Ausgleichsprozess entgegen streben, welcher nur eine Richtung kennt -> höhere Entropie/“Unordnung“ und gleichzeitig weniger für Arbeit nutzbare Energie. Für den Umkehrprozess muss zusätzliche Energie aufgewendet werden. Wie das im Detail abläuft, hat Steve Keen in diesem Beitrag ausgeführt. Ein Screenshot aus dem Vortrag soll die Vorgänge illustrieren:

    Prozessabläufe in der Wirtschaft

    Prozessabläufe in der Wirtschaft

    • Aus Rohstoffen werden mittels freier „low-entropy“ Energie veredelte (oder einfach mehr) Endprodukte geschaffen
    • als Energieträger stehen regenerative (Sonne, Wind, Wasser, Biomasse) sowie fossile Energieträger (Öl, Gas, Kohle) und Kernenergie zur Verfügung
    • die Entropie des Endprodukts (höherer Ordnung) reduziert sich, allerdings nimmt die Gesamtentropie zu, da gleichzeitig reale Abfälle und Abwärme anfallen (so lange niemand die Unmöglichkeit eines perpetuum mobile widerlegt, bleibt dies eine physikalische Gesetzmäßigkeit, der sich niemand entziehen kann)
    • Recycling von nicht regenerativen Materialien kommt ebenfalls nicht ohne Verluste/Abfälle aus, die nicht mehr verwertet werden können -> Müllberg wächst
    • selbst der Erhalt von Infrastruktur benötigt ständigen Einsatz zusätzlicher Energie (dem Verfall entgegenwirken), der Aufwand steigt mit zunehmender Größe/Komplexität

    Wir halten fest: Ein wachsender Ausstoß an Endprodukten und komplexer Infrastruktur benötigt zwingend auch ein mehr an freier (zur Arbeit verwendbarer) Energie. Nochmal zurück zum letzten Beitrag – so gewaltig die in den Ozeanen gespeicherte Energiemenge auch ist, sie ist nicht oder kaum noch effizient nutzbar. Fossile Energieträger stellen eine einmalige Quelle frei nutzbarer Energie dar, aber irgendwann ist auch dieses Potential erschöpft. Was danach noch bleibt, sind auf der Sonne basierende regenerative Quellen. Kernenergie wird aus gutem Grund gesellschaftlich abgelehnt, das hält einen gewissen Prof. Sinn aber nicht davon ab, den Ausstieg rückabwickeln zu wollen. Die Energiefrage wird uns die kommenden Jahre noch weiter beschäftigen. Aus meiner Sicht wird die Erkenntnis weiter reifen, dass das jetzige Niveau nicht nachhaltig ist.

    Was bedeutet Nachhaltigkeit?

    Nachhaltig bedeutet langfristig stabil, es wird ein Gleichgewicht im System erreicht von verwertbarer einströmender (das ist in unserem Fall die Sonne) und abgegebener Energie. System bzw. Organismus wachsen bis zu einer energetisch auferlegten Grenze, die abgebildete Funktion dient sowohl zur Beschreibung vom Wachstum eines Baumes wie auch von dem eines Menschen. Technische Hilfsmittel lassen uns (als Menschheit) diese Grenzen temporär außer Kraft setzen, aber langfristig, wenn alle Einweg-Energieträger aufgebraucht sind, werden diese Systemgrenzen wieder relevant. Problematisch wird es dann, wenn man sich von einer Energiequelle abhängig macht, von der man weiß, dass sie nicht bis in alle Ewigkeit weiter sprudeln wird. Daniele Ganser hat das im Gespräch mit KenFM sehr gut zum Ausdruck gebracht. Die ersten paar Minuten reichen aus, um die Grundaussage nachvollziehen zu können. Wenn man sich dann noch vor Augen hält, was im Namen des Öls schon für Konflikte ausgetragen wurden und aktuell werden… Öl werde ich im nächsten Beitrag weiter thematisieren, insbesondere die Problematik herausarbeiten, dass der Ölpreis auf Messers Schneide balanciert. Wir wenden uns zunächst wieder dem Hauptthema Wachstum und Nachhaltigkeit zu.

    Kann Wachstum unökonomisch werden?

    Klare Antwort: Selbstverständlich, und zwar dann, wenn die nachhaltigen (systemischen) Grenzen überschritten werden. Beispielsweise durch Ausnutzung technischer Hilfsmittel, die die Basis langfristig erreichbarer Erträge in Mitleidenschaft ziehen. Herman E. Daly beschreibt dies in Ecological Economics folgendermaßen: Je weiter Wachstum voranschreitet, desto weiter verringert sich der Grenznutzen (marginal utility). Durch Rückwirkungen auf das System gibt es in zunehmende Maße negative Rückkopplungen (marginal disutility). Wachstum wird ab dem Punkt unökonomisch, an dem sich Grenznutzen und negative Effekte aufheben und der negative Anteil überwiegt.

    Als Beispiel blicken wir auf den Fischfang. In einer noch unerschlossenen Welt, deren Rohstoff (Fisch-)Reichtum nur darauf wartet, ausgebeutet zu werden, ist der Ertrag rein durch die Größe der Fischfangflotte begrenzt. Dieser lässt sich so lange steigern, wie neue Schiffe gebaut und neue Fischer angeheuert werden und diese die Meere durchkreuzen. Irgendwann ist jedoch eine Grenze erreicht, an der die Menge, die abgefischt wird, den Betrag übersteigt, der auf natürlichem Weg „nachwächst“. Ab diesem Punkt geht eine weitere Steigerung direkt an die Substanz, die den langfristigen Ertrag schmälert.

    Beispiel nicht nachhaltigem Wachstums

    Beispiel nicht nachhaltigem Wachstums

    Das perfide ist, dass sich der Ertrag noch eine ganze Weile absolut gesehen weiter steigern lässt, indem man einfach die Bestände leer fischt. Das läuft dann auf einen klassischen Generationenkonflikt hinaus. Daniele Ganser sagt das im oben verlinkten Interview sehr treffend – wir (die Menschen) seien nicht enkeltauglich.

    Paul Ehrlich (Biologe): „Warum nur ist die Walfangindustrie so emsig dabei, die eigentliche Quelle ihres Reichtums zu zerstören?“ Japanischer Journalist: „Wenn die Walfanindustrie innerhalb von 10 Jahren die Wale ausrotten kann und dabei 15 Prozent Gewinn erzielt, während bei einer nachhaltigen Fangrate der Gewinn nur 10 Prozent beträgt, dann wird man selbstverständlich die Wale in 10 Jahren ausrotten – und danach das Kapital eben zur Ausbeutung einer anderen Ressource verwenden.“ Paul Ehrlich (zit. nach Meadows, 1991, S. 223 f.)  Quelle (S.10)

    Übertragen lässt sich dieses Verhaltensmuster auf so ziemlich alle nachwachsenden und insbesondere nicht-nachwachsenden Rohstoffe wie den Energieträger Öl. Wenn es allein von der Anzahl der Förderquellen abhängt, wie viel gefördert wird, wer macht sich dann noch Gedanken an zukünftige Generationen? Der technische Fortschritt wird uns schon aus diesem Dilemma befreien, so die einhellige? Meinung. Stephen Hawking möchte lieber heute statt morgen ins Weltall aufbrechen, damit die Menschheit wieder ein Ziel vor Augen hat, dass es lohnen würde, verfolgt zu werden.

    Materielles Wachstum ist begrenzt

    Nach Ansicht einiger Ökonomen, die sich dieser Problematik bewusst sind, wird Wachstum durch qualitative „Entwicklung“ propagiert. Der Weg führt weg von der materiellen Industrie direkt in die Dienstleistungs- bzw. Informationsgesellschaft. Zu dumm, dass auch diese Energie benötigt. Wie oben bereits geschrieben, benötigt selbst eine einmal geschaffene komplexe Infrastruktur zu deren Erhalt fortwährend neue Energie. Kollege deedl hat das in einem inspirierenden Artikel zusammengefasst:

    „Es ist also schlicht unmöglich, Wirtschaftswachstum vom Energieverbrauch zu entkoppeln, weil es im Prinzip das gleiche ist. Jegliches Wirtschaften involviert immer Energie in irgendeiner Form. Die Grenzen des Wachstums sind also die Grenzen unserer Fähigkeit, die Energieströme unserer Welt nutzbar zu machen und unsere Abwärme an unsere Umwelt abzugeben. Beides ist begrenzt.“

    Spielt Geld denn überhaupt keine Rolle?

    Doch, natürlich tut es das. Das Lösen der monetären Handbremse durch eine gerechtere Verteilung der Geldmittel ist das Eine. Wolfgang Waldner hat das hier sehr anschaulich beschrieben. Wie mit den natürlichen Ressourcen umgegangen wird und wie es um deren Verteilung steht, ist eine andere Frage. Man darf sich hier nichts vormachen, die monetäre Ausbremsung großer Teile der Bevölkerung ist von den Eliten dieser Welt (die die hier geschilderte Ressourcenproblematik ganz sicher oben auf ihrem Schirm haben) so gewollt. Dazu gehören aber auch wir in den Industrieländern, die den Schwellen- und Entwicklungsländern die Möglichkeiten zur Entfaltung auf ein ähnliches Niveau vorenthalten. Die Ideologie des grenzenlosen Wettbewerbs macht’s möglich. Aber das ist wiederum ein anderes Thema und führte an dieser Stelle zu weit.

    Advertisements
     
  • thewisemansfear 2:24 pm am March 16, 2014 Permalink
    Tags: , , Wachstumskritik   

    Econophysics – Wirtschaftstheorie unter Berücksichtigung physikalischer Grenzen 

    Man sollte die Hoffnung nie aufgeben, es gibt sie doch. Ökonomie-Professoren wie Steve Keen, die versuchen Lösungen und Modelle zu entwickeln und dabei physikalische Randbedingungen NICHT einfach ausblenden. Ich frage mich, wie die Wachstums-Dogmatiker mit den Widersprüchen umgehen, die sich Menschen mit gesundem Menschenverstand bezogen auf das Thema unendliches Wachstum in endlicher Welt auftun müss(t)en.

    Der englischsprachige Vortrag läuft unter der Bezeichnung „Production, Entropy and Monetary Macroeconomics“:

    Hier nur ein paar herausgegriffene Stichpunkte aus dem Vortrag:

    • „Jeder der an unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten glaubt, ist entweder verrückt oder aber Ökonom.“
    • Modelle arbeiten nur mit Arbeit und Kapitalgrößen, berücksichtigen nicht die real stattfindenden Transformationsprozesse, welche immer Energie kosten (2. Hauptsatz der Thermodynamik unberücksichtigt). Das wäre in etwa so, als würden Physiker in ihren Modellen die Gravitation außen vor lassen…
    • über die Zeit nimmt die Entropie (als Maß für Unordnung) zu, dabei wird Energie frei. Die Umkehrung dieses Prozesses (Schaffung von Ordnung, d.h. Produktion von Gütern oder Aufräumen 😉 ) kostet Energie. Energie die anderswo herkommen muss, bspw. Solarenergie oder fossile Energieträger. Dieser Umkehrprozess ist niemals frei von Verlusten, irgendwo geht immer etwas verloren.
    • Die Quelle von Wirtschaftswachstum ist durch den Menschen frei nutzbare Energie. Arbeitsleistung und Kapital spielen mit rein, sind aber nicht übergeordnet anzusehen. Bisherige Theorien lassen Energie komplett außen vor. Wachstum wird teilweise einfach als Faktum angenommen.
    • In den Modellen taucht die Umwelt als der Wirtschaft untergeordnet auf, anstatt anders herum die Wirtschaft einer (intakten) Umwelt unterzuordnen.
    • sich ergebende Konsequenz: Physik setzt Grenzen des Wachstums, bisherige math. Modelle sind untauglich und müssen dahingehend angepasst werden

     

     

     
    • AlienObserver 9:40 am am März 17, 2014 Permalink | Antworten

      Super!
      Interessant auch die Bemerkung von Steve Keen, immerhin kein Niemand der Ökonomie, dass Mainstream Journale sich weigern seine Arbeit zu veröffentlichen. Gruß AlienObserver

  • thewisemansfear 9:07 pm am February 20, 2014 Permalink
    Tags: Glauben, Nachdenken, Wachstumskritik   

    Glauben ersetzt Denken? 

    Die Morgen erscheinende Eurokolumne von Jens Berger in der taz geht auf die Art und Weise ein, wie hierzulande mit Kritikern des „herrschenden“ Systems umgegangen wird. Lanz dient als Paradebeispiel für die abstrusen Versuche, Kritiker eines „Meinungs-Mainstreams“ zu diskreditieren, um sich nicht (wirklich) inhaltlich mit ihnen auseinandersetzen zu müssen.

    Und von den Handelsungleichgewichten, die zu den realwirtschaftlichen Auslösern der Eurokrise zählen, will ich hier gar nicht reden. Soll man davor die Augen schließen und das Denken durch den Glauben ersetzen? Dann wäre der Euro ein Glaubensbekenntnis: Ich glaube an die jungfräuliche Geburt, die heilige Dreifaltigkeit und die grundsolide Gemeinschaftswährung. Wer daran Zweifel hegt, ist ein Ketzer und gehört auf den Scheiterhaufen.

    „Gut gebrüllt, Löwe!“ möchte man ihm zurufen. Inhaltlich ist daran auch nichts auszusetzen. Nur ersetzen wir mal gedanklich das Thema Euro durch das Wachstums-Dogma. Von diesem Glaubensbekenntnis kommt Herr Berger zusammen mit seinen Mitstreitern auf den Nachdenkseiten auch (noch) nicht los. Kritiker werden abgekanzelt, inhaltliche Diskussionen nicht wirklich geführt. Aber hören wir weiter:

    Einer der größten Fehler der Eliten war es stets, den gesunden Menschenverstand des Volkes zu unterschätzen.

    In der Tat, gesunder Menschenverstand ist durch nichts zu ersetzen. Mit der Erkenntnis, dass Bäume nicht in den Himmel wachsen und wir Menschen ERwachsen werden, braucht es schon einen sehr gefestigten Glauben, um weiter unendlichen Wachstumsträumereien anzuhängen. 

    Wer kritisches Denken unterbinden will, stärkt damit meist diejenigen, die ohnehin ein gestörtes Verhältnis zum Nachdenken haben.

    Auch hier, volle Zustimmung. Jeder hat das Recht, sich eigenständig zu informieren und Gedanken zu machen. Es ist nur frustrierend zu sehen, wie eine Seite, die das Nachdenken bereits im Titel stehen hat, sich selbst so wenig ernst nimmt. Um nicht falsch verstanden zu werden, der gesellschaftliche Beitrag der NDS ist gar nicht hoch genug anzurechnen, nur hängt am Wachstums-Thema einfach zu viel, um quasi stur auf ein „weiter-so“ zu bauen. Überhaupt nur wenn die Verteilungs-Problematik [Einkommen und Vermögen] gelöst wird, kann es nach heutigen Maßstäben weiter aufwärts [sic!] gehen. Nur löst man dadurch nicht die Problematik knapper werdender Ressourcen auf unserer endlichen Welt. Wer sich selbst Denkblockaden verordnet, zieht unter Umständen auch falsche Schlüsse aus der ständig zunehmenden Arbeitsverdichtung und (gefühltem) Stress. Produktivitätsfortschritte kann es nicht bis in alle Ewigkeit weiter geben, alles hat Grenzen. Der Aufwand steigt beständig, aber es wird so getan, als könnte man jedes Jahr ein Schippchen mehr auflegen. Cui bono? Wem nützt es?

     
  • thewisemansfear 9:52 pm am February 1, 2014 Permalink
    Tags: , Ressourcen, Wachstumskritik,   

    Die Abgründe unseres Wirtschaftssystems (1) 

    Was tun in einer Welt, die nicht mehr wachsen will? Allerorten mehren sich die Anzeichen bzw. werden sie immer deutlicher, dass eine Phase der Stagnation bevorsteht. So spricht fast-Notenbankchef Larry Summers von einer möglichen „säkularen Stagnation“, da die Investitionsbereitschaft so gering sei, dass sie nur bei negativem Zinssatz wieder angefacht werden könne. Ist auch irgendwie logisch – wenn der ROI weniger Rendite verspricht, als man durch das Parken des Geldes erhält, dann hat die Wirtschaft und damit Welt ein Problem!

    Das Ideen-Panoptikum ist dabei so skurril, dass unter den „Lösungsvorschlägen“ allen ernstes die Abschaffung von Bargeld erwogen wird, um das Horten von Geld bei negativem Zinssatz zu unterbinden. Alternativ spränge wieder mal der Staat als Schuldner ein oder man verstaatlicht gleich das ganze Bankenwesen. Die Prämisse ist klar, es muss weiter aufwärts gehen, am Wachstumsdogma wird nicht gerüttelt. Aus Sicht der Eliten durchaus verständlich, kämen doch Probleme ganz anderer Größenordnung ans Tageslicht, wenn man sich davon lösen würde…

    Am Glauben fehlt es gerade denjenigen keynesianisch geprägten Fachleuten nicht, dass man nur mehr Geld in die Hand nehmen müsse, und das System liefe wieder rund. Andernorts lautet es, die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes sei zu gering und genau deswegen müsse man zu Zwangsmaßnahmen wie negativen Zinsen greifen. [Diese Begrifflichkeit führt allerdings in die Irre, dazu im nächsten Teil mehr.] Aber genau jener „Glaube“ ist so bar jeglicher Realität, dass es zumindest mir als Naturwissenschaftler bitter aufstößt. Aber wahrscheinlich bin ich nur ein gebranntes Kind, wie die letzten Jahre Arbeit in der erneuerbaren Energien-Branche gezeigt haben. Dort wurde in den absoluten Boomzeiten 2010 die sich bislang abgezeichnete Exponentialfunktion bei Personalbedarf und Produktionskapazitäten einfach weiter in die Zukunft hoch skaliert. Da liefen Planungen mit 3-facher Kollegenanzahl und riesigen neuen Werken binnen 3-5 Jahren.

    Dementsprechend groß war (und ist) der Katzenjammer. Die Lehre, die man daraus ziehen kann, ist die, dass der Mensch dazu neigt, die Entwicklung der Vergangenheit in die Zukunft zu übertragen – erst recht im positiven Überschwang. Diese Entwicklung hielt auf die Firma bezogen nur wenige Jahre an, irgendwann ebbte einfach der Geldstrom ab. Steile Wachstumsraten bedeuten eben auch ein schnelles Ende des Zyklus. Übertragen wir das Ganze einmal auf die Gesamtwirtschaft. Hier läuft die Entwicklung im Vergleich zu einer einzelnen Firma erheblich langsamer ab. Die Wachstumsraten sind eher gering, und so dauert es um einiges länger, bis man an einem Punkt ankommt, wo das System an seine Grenzen stößt und anfängt zu kippe(l)n. Damit wären wir wieder bei der Einleitung und genau an dem Punkt, wo wir heute stehen.

    Geht es nun weiter so wie bisher, mit noch mehr Anstrengung und Energieaufwand, jeder legt noch ein Schippchen drauf? Oder fangen doch ein paar mehr Leute an mal einen Schritt zurückzutreten und sich das Hamsterrad einmal genauer anzuschauen, in dem sie sich werktäglich abstrampeln? Nachhaltigkeit ist ein immens wichtiger Begriff, an dem die Welt, an dem jede(r) Einzelne nicht länger vorbeikommt. Rohstoffe aus der Erde zu buddeln ist es eben gerade nicht! Ich mache mir nichts vor, bisher hat es immer erst eines großen Knalls bedurft, bevor der Mensch ein Einsehen hatte und sein Handeln änderte. Wäre ein Novum, wenn es einmal ohne Krise funktionieren würde.

    Dieser Ausblick auf die reale Wirtschaftskomponente soll für den ersten Teil ausreichen, in Teil 2 werden wir uns das Geldsystem näher anschauen und auf das Thema Verteilung zu sprechen kommen. Denn irgendwo her muss der Drang bzw. Zwang nach immer mehr Wachstum ja kommen!

     
  • thewisemansfear 8:19 pm am January 6, 2014 Permalink
    Tags: , , Wachstumskritik,   

    Wachstum als Lösung ist eine Illusion“

    „Industriestaaten dürfen nicht mehr am irrationalen Glauben festhalten, dass die Wirtschaft eines Tages wieder so stark wachse, dass bisher angehäufte Schulden mit den Erträgen getilgt und genügend Arbeitsplätze geschaffen werden können. Die Unternehmen versuchen mit allen Mitteln, ihre Produktivität zu steigern, das heisst, mit weniger Arbeitsplätzen auszukommen.

    Der frühere ETH-Gastprofessor und Naturwissenschaftler Marco Morosini bezeichnet die heutige Ökonomie als «autistisch». Sie sei blind für die Natur und die künftigen Generationen: «Trotz vierzig Jahren Umweltbewusstsein und Umweltökonomie ist sie noch immer eine Ökonomie, deren einziger Drehpunkt die Vermehrung des Geldaustausches ist – denn das Bruttoinlandprodukt BIP misst nichts anderes.»

    Zitiert aus dem lesenswerten Artikel von Urs P. Gasche auf infosperber.ch, der dort die aktuelle Situation beleuchtet, in der wir alle stecken:
    http://www.infosperber.ch/Artikel/Wirtschaft/Krise-Wachstum-Defizite-Schulden-trugerische-Ruhe

     
  • thewisemansfear 12:38 pm am December 27, 2013 Permalink
    Tags: Nachdenkseiten, , Wachstumskritik   

    Was ist nachhaltiges Wachstum? 

    Ulrike Herrmann hat in ihrem Buch „Der Sieg des Kapitals“ den entscheidenden Widerspruch in der herrschenden Wirtschafts-Wachstumslogik aufgezeigt: die Unverträglichkeit exponentiellen Wachstums in der aktuellen Realwirtschaft. So schreibt sie als generelle Kritik formuliert:

    Die treibende Kraft in diesem System ist die Idee, dass man Geld investiert, damit hinterher mehr Geld herauskommt. Wenn dies kein Schneeballsystem sein soll, bei dem sich das Vermögen nur auf dem Papier vermehrt, dann muss gleichzeitig die Gütermenge steigen. Reales Wachstum kann es jedoch nur durch technischen Fortschritt geben, was umgekehrt bedeutet: Ohne technischen Fortschritt ist der Kapitalismus am Ende.“ (s.o., S. 83)

    Man muss daher in der Debatte zwischen virtuellem und realem Wachstum differenzieren. Zu ersterem gehört die Asset-Inflation (z.B. bei Häusern und Grundstücken, Aktien auf dem Sekundärmarkt, etc. Dies sind reine Transaktionen, ein Mehrwert kommt nur durch den Glauben an eine weitere positive Gesamtentwicklung zustande.), zu letzterem ein fassbares, messbares Mehr an Gütern. Genau das ist aber auf Grund der Endlichkeit der Ressourcen bzw. der auf der Erde verfügbaren/nutzbaren Energie nur begrenzt möglich! Werner Lieb von den Nachdenkseiten hat in seiner Rezension des Buches die aus seiner Sicht pauschalisierende Wachstumskritik bemängelt:

    Wenn eine bestimmte Größe in der Zeit um einen bestimmten Prozentsatz wächst, bekommt man eine Exponentialfunktion, eine Kurve, die im Himmel endet. Das ist mathematisch unausweichlich und scheint vielleicht deshalb auf den ersten Blick für Viele als so zwingend.

    Ja, es scheint nicht nur zwingend, sondern es ist logisch zwingend. Nirgendwo in der Natur gibt es Entsprechungen für stabiles, exponentielles Wachstum – allein die beiden Attribute stabil und exponentiell zusammen sind paradox. Beispiele für Effekte mit Exponentialfunktion:

    • eine typische Rückkopplung beim Konzert, wenn das Mikro die Signale aus den Lautsprechern wieder einfängt und erneut verstärkt. Das schaukelt sich in Sekundenbruchteilen zu einem schrillen, ohrenbetäubendem „Ton“ hoch. Hierbei geht wohlgemerkt das Verstärkersystem in die Begrenzung (so welche eingebaut sind), ansonsten würde das schwächste Glied der Kette schnell „nachgeben“ – es wäre wieder Ruhe und das System im Eimer.
    • auf biologischer Ebene können Bakterienpopulationen mit ausreichend Nährstoffen (Energie) ein solches Wachstum hinlegen, ansonsten findet man solches Verhalten bei Tumoren, wobei auch hier das Wachstum zu einem abrupten Ende kommt, sobald die Energiezufuhr nicht mehr ausreicht.

    Uns Menschen fehlt es dazu auch an Vorstellungsvermögen, man lausche den Ausführungen von Margot Kennedy. Sinngemäß sagt sie, dass es zur grundlegenden Schulbildung gehören sollte, dass exponentielles Wachstum im materiellen Bereich nie von Dauer sein kann. Der Mensch als anpassungsfähiges Wesen hat sich mittlerweile schlicht an „immerwährendes Wachstum“ gewöhnt. Seit der Nachkriegszeit geht es beständig (mit kurzen Aussetzern, die allerdings in immer kürzerer Abfolge auftreten!) nur in eine Richtung. Wir nehmen die Welt und das Geschehen um uns herum als Normalität wahr (der Mensch als „Gewohnheitstier“), kein Wunder, dass man mit der Info, dass es so wie bisher nicht weiter gehen kann, keine offenen Türen einrennt.

    Woran machen wir Wirtschaftswachstum überhaupt fest? Wir erfassen alle getätigten Transaktionen, bilden quasi den Umsatz der nationalen Wirtschaft im Bruttoinlandsprodukt (BIP) ab. Eine einzige Kenngröße, die von Bedeutung sein soll, ob es uns nun „besser geht“ (wachsend) oder nicht (stagnierend oder fallend). Im Aufaddieren von wirtschaftlichen Tätigkeiten wird in keinster Weise zwischen guten und schlechten Dingen differenziert. Kosten zur Beseitigung von Umweltschäden oder Unfällen aller Art schlagen sich positiv in dieser Kennzahl nieder. Alles, was in irgendeiner Form Umsatz bringt ist „gut“, der Rest an freiwilligen Tätigkeiten, sozialen Engagements, usw. spielt keine Rolle. Die Fixierung auf BIP-Wachstum ist vollkommen untauglich, um diesem ganzen Treiben einen Sinn zu geben.

    Nun ist es so, dass bereits zum Aufrechterhalten einer einmal geschaffenen Systems („Ordnung“) Energie aufgewandt werden muss. Die dazu notwendige Energie nimmt mit der Komplexität des Systems zu. Wir kennen das am verlotternden Schreibtisch des chaotischen Arbeitskollegen oder dem Kinderspielzimmer. Um Ordnung ins Chaos zu bringen muss Energie aufgewandt werden. Im Großen sind damit Aufwendungen an verfallender Infrastruktur gemeint, der „Zahn der Zeit“ sorgt sonst für die langwierige Rückumwandlung in „chaotischere“ Zustände.

    Erst recht benötigt man (mehr) Energie für reales Wachstum, allerdings ist dies nicht unabhängig von der Physik und den Energieerhaltungssätzen. In deedls blog ist das sehr anschaulich  (unbedingt lesenswert) erklärt. Aktuell wenden wir quasi die Energie auf, die über einen längeren Zeitraum auf und in der Erde „gespeichert“ wurde. Übertragen gesagt leben wir also auf Pump, nur irgendwann sind die über einen sehr langen Zeitraum angesammelten Reserven aufgebraucht und wenn dann bei der Umstellung auf nachhaltige Energieversorgung eine riesige Lücke zwischen Bedarf und Angebot klafft, dürfte es zu massiven Verwerfungen kommen.

    In der heutigen finanzorientierten Wirtschaft bin ich immerzu geneigt, den Zins als eigentlichen Wachstumstreiber anzusehen. Frau Herrmann versucht dies in ihrem Buch dadurch zu entkräften, dass es den Zins bereits zu Zeiten stagnierender Wirtschaft gab und trotz dessen kein Wachstum erzeugt wurde. Das ist soweit nachvollziehbar, allerdings möchte ich zwei Kritikpunkte anbringen:

    1. In Mesopotamien wurde durch die entstehenden Schuldknechtschaften (zinsystembedingt) mit jedem Herrscherwechsel ein (Privat-)Schuldenerlass – tabula rasa – durchgeführt, das System quasi für den einfachen Bürger „resettet“.     Wachstum hätte man zu damaligen Zeiten wahrscheinlich gerne generiert, allerdings fehlte eine wichtige Zutat: Energie.
    2. Der Zins wird im heutigen wirtschaftlichen Umfeld als unkritisch dargestellt, weil er durch neu geschaffenes Wachstum unproblematisch sei. Bei genauerem Hinsehen ein klassischer Zirkelschluss zur Rechtfertigung.
    • Man kann sich daher merken, dass das Zinssystem (eben auch wegen des exponentiellen Charakters) sehr wohl problematisch ist. In stagnierenden Wirtschaften läuft es auf hoffnungslose Verschuldung breiter Massen und Vermögenskonzentration bei immer Wenigeren hinaus, so dass regelmäßig resettet werden muss. Mit Wirtschaftswachstum nährt man die Illusion, dass auch die breite Masse in einem solchen System dauerhaft profitieren könne.

    So dauerte es bis zum Beginn der industriellen Revolution in England, bis der Funke endlich?! zündete und der Wachstumsmotor ansprang. Dampfkraft wurde wohl bereits zu Zeiten der Römer genutzt, allein die Kenntnis der Technologie reichte nicht aus, um den Motor zu starten. Über Kohle hin zu Öl, Gas und Uran werden seitdem konventionelle Energieträger abgebaut, um den wachsenden Fortschritt am Laufen zu halten. Dabei wird von den reichhaltigen „Ersparnissen“ aus der Vergangenheit gezehrt, was keine nachhaltige Entwicklung darstellt.

    Nachhaltiges (reales) Wachstum strebt immer gegen eine Grenze und ist nie exponentiell. Ein Baum mag in jungen Jahren exponentielles Wachstum an den Tag legen, aber das ist nur eine Phase seines Lebens. Auf lange Sicht strebt er einer optimalen Größe entgegen, die durch die zuführbare bzw. aufnehmbare Energie (Licht, Wasser, Nährstoffe) begrenzt ist. Auf die heutige Zeit bezogen mag es uns daher so vorkommen, als könnten wir für ewig so weiter machen (es geht ja schließlich schon etliche Jahrzehnte so!), aber damit sitzen wir einen gewaltigen Trugschluss auf.

    Warum nun dieser Artikel in seiner Länge? Nun, selbst – oder besser gesagt gerade auf den Nachdenkseiten wird über Wachstumskritik nicht gerne nachgedacht bzw. wird diese als sozialstaatsfeinlich gebrandmarkt. Den in meinen Augen unbefriedigenden Diskussionsverlauf findet man hier auf den NDS [1] [3 – Replik auf 2] und hier als [2- Replik auf [1]. Aus (durchaus berechtigter) Angst, dem politischen Gegner damit in die Hände zu spielen, wird diese Kritik mehr oder weniger fadenscheinig abgebügelt. Dabei liegen die Positionen gar nicht so weit auseinander. Wachstum ja, aber nachhaltig muss es sein. Der Zins macht nun aber gerade exponentielles Wachstum notwendig, was eben nicht nachhaltig sein kann. Ur-Keynesianisches Denken (vgl. Wolfgang Waldners Serie bei flassbeck-economics) nach dem Motto „mehr von allem“ erzeugt genau den in diesem Beitrag aufgezeigten Widerspruch und wird nicht erneut funktionieren. Eine echte Diskussion darüber vermeiden zu wollen, da man sonst vergessen geglaubte Verteilungskonflikte neu adressieren müsste, bringt niemanden weiter (bis auf die Besitzstandswahrer). Die Menschheit wird sich über kurz oder lang in viel größerem Maßstab als jetzt mit der Verteilungssituation auseinander setzen müssen.

    edith [21:45]: Interessant, dass gerade jetzt eine Meldung bei SPON über den Ticker läuft: Der chinesische Botschafter hält die bisherigen Wachstumsraten für nicht länger haltbar. Grund: Energiemangel!
    „Unser jetziges Wirtschaftsmodell ist auf Dauer nicht zu halten“, sagte Shi Mingde dem „Tagesspiegel“ laut einer Vorabmeldung.“Um etwas herzustellen, brauchen wir viermal so viel Energie wie in Europa und siebenmal so viel wie in Japan“, kritisierte der Diplomat. Die Umwelt in China werde dadurch schwer belastet, gleichzeitig seien die Ressourcen begrenzt.

    edith 2 [29.12.]: Wie ich in den letzten Tagen häufiger feststellen musste, hat sich Georg Trappe bereits im letzten Jahr recht umfassend mit demselben Thema auseinandergesetzt. Sehr empfehlenswerter Beitrag!

    edith 3 [05.01.]: Überarbeitung der Einleitung sowie kleinere Korrekturen und Anfügungen.

     
c
Neuen Beitrag erstellen
j
nächster Beitrag/nächster Kommentar
k
vorheriger Beitrag/vorheriger Kommentar
r
Antworten
e
Bearbeiten
o
zeige/verstecke Kommentare
t
Zum Anfang gehen
l
zum Login
h
Zeige/Verberge Hilfe
Shift + ESC
Abbrechen