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  • thewisemansfear 8:49 pm am May 4, 2014 Permalink
    Tags: Diversifizierung, Finanzkrise, Herbert Walter, , komplexe Systeme, Konsensfalle, Kritik, Meinungsbildung   

    In der Konsensfalle – eine Lehrstunde über Mehrheitsmeinung, Immunisierung gegen Kritik und dessen Folgen 

    Bewogen zum Schreiben dieser Zeilen hat mich folgende Kolumne im Handelsblatt – „Die Konsensfalle der Experten“ von Herbert Walter. Es geht darin anfänglich über die Rolle der FED und der Experten in ihrem Dunstkreis, die die Finanzkrise 2007 nicht vorhergesehen haben.

    „Drei Soziologen der Universität Berkeley in Kalifornien sind daran gegangen, dieses Rätsel zu lösen. Sie haben sich die Protokolle des Offenmarkt-Ausschusses der US-Notenbank Fed vorgenommen, die jeweils nach Ablauf von fünf Jahren frei gegeben  werden. Die Ergebnisse ihrer Arbeit haben sie kürzlich veröffentlicht.
    Die sind wirklich erhellend. Die Wissenschaftler zeigen detailliert, dass die Fed-Führung sich noch bis Ende 2007 vornehmlich um Inflationsraten, Beschäftigungsquoten und die Defizite im Staatshaushalt sowie der Leistungsbilanz sorgte. Diese volkswirtschaftlichen Größen hatten aber rein gar nichts mit der heraufziehenden Krise zu tun.“

    Business as usual also bis die Krise dann mit voller Wucht zu schlug. Die Soziologen wundert es nicht, wird das Experten-Gremium doch von Menschen besetzt, die stark auf Gruppen-Konsens setzen. Andersdenkende von vornherein nicht erwünscht, gegensätzlicher (um nicht zu sagen: inhaltlicher) Auseinandersetzung wird so aus dem Weg gegangen.

    „So sitzen im Offenmarkt-Ausschuss der Fed fast ausschließlich Volkswirte, die ihre beruflichen Erfahrungen in Ministerien, Behörden oder an der Universität gemacht haben. Die denken daher zwangsläufig in makroökonomischen Kategorien und sie pressen die Realität in mathematische Modelle, die immer darauf hinauslaufen,  ein irgendwie geartetes Gleichgewicht herzustellen.
    Folgerichtig analysierten die Notenbanker zum Beispiel die Auswirkungen des US-Immobilienmarktes auf die Bauwirtschaft, die Hausgerätehersteller und das Maklergewerbe. Das alles lässt sich sehr schön berechnen.
    Die Verbindungen zwischen dem Immobilienmarkt, dem Markt für Subprime-Hypotheken und den „kreativen Finanzlösungen“ zur Umverteilung von Risiken und Erträgen hat die Führung der Fed dagegen lange nicht erkannt. Dafür gab und gibt es keine Formeln. Genau diese Verflechtungen haben aber dazu geführt, dass aus der US-Subprime-Krise eine globale Finanzkrise wurde.“

    Hier kommen gleich mehrere wichtige Kritikpunkte zusammen:

    • gleichgeschaltetes Denken, bedingt durch ähnliche Ausbildung oder beruflichen Werdegang
    • das Rechnen mit Modellen, denen eine komplexe Realität zugrunde liegt, mit der Annahme eines sich automatisch einstellenden Gleichgewichts. Mit soviel Freiraum bei der Modellgestaltung und realitätsfernen Annahmen würde ich vielleicht auch eins zusammenschustern und mathematisch beweisen können, dass Weihnachten und Ostern auf denselben Tag fallen…
    • mit bestechender mathematischer Logik lässt sich alles und auch wieder nichts beweisen, auf das zugrunde gelegte Modell und die Übereinstimmung mit der Realität kommt es an
    • kein Modell der Welt bildet bislang in irgendeiner Form Unsicherheiten/Unwägbarkeiten ab, sondern man arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten. Das setzt aber voraus, dass ich das Verhalten kenne bzw. vorhersagen kann – was auf eine komplexe Realität niemals zutreffen kann.
    • der Blick aufs Wesentliche wird mitunter verstellt, wenn man zu sehr in eingefahrenen Denkmustern steckt

    © Robert B. Reich

    Gemütlich?/Gefangen? in der ideologischen Blase, die man zuvor erfolgreich um sich gewoben hat. Kritik perlt daran ab, wie Wasser von Lotusblättern.

    „Anhänger einer Mehrheitsmeinung zu sein, ist immer risikoärmer, als eine Minderheitsmeinung zu vertreten. Eine falsche Entscheidung hat für den Einzelnen weniger Folgen, wenn sie von vielen zu verantworten ist. Geteiltes Leid ist halbes Leid, lautet deshalb die bis ins Letzte beachtete Grundregel jedweder Gremienarbeit.
    Expertentum und Konsensbildung gehen offensichtlich eine Symbiose ein, die das Risiko für die Entscheider minimiert, nicht aber Risiken für die von den Entscheidungen betroffenen Menschen.“

    In der Tat liegt es in der menschlichen Natur, Konflikten am liebsten aus dem Weg zu gehen, mit dem Strom zu schwimmen und sich an altbekannten Mustern zu orientieren. Das wird problematisch, wenn sich die Meinungsführer/Experten nicht mehr mit der Realität auseinandersetzen und in ihrer selbst gebastelten Traumwelt leben. Wenn kritische Stimmen unterdrückt werden, dann kann es passieren, dass die Herde eben über die Klippe läuft oder der Schwarm Fische mitunter komplett im Rachen eines Wals verschwindet. Autor Herbert Walter hat das Beispiel der Finanzmärkte gewählt, um die Schädlichkeit von Einheitsmeinungen deutlich zu machen. Das Problem geht aber noch um einiges tiefer.

    Auf Kritiker kann keine Steuerungsinstanz eines komplexen Systems verzichten. Dessen Aufgabe müsste eigentlich sein, zu erkennen, dass sich ein komplexes System nicht zentral managen lässt. Man müsste anfangen zu diversifizieren, Abhängigkeiten verringern, Redundanz einzubauen. Mit jedem Konzentrationsprozess nimmt das systemische Risiko eines Kollaps zu. Das gilt eben nicht nur für die Finanzmärkte. Es kann jeder selbst einmal drüber nachdenken, was für eine Kaskade von Abhängigkeiten mittlerweile allein bei der Nahrungsmittelproduktion besteht. Am Ende heißt es dann – kleine Ursache, große Wirkung. Das Erkennen solcher Probleme und das Suchen und Implementieren von Lösungen wäre normalerweise Aufgabe einer verantwortungsvollen Politik. Ein „Fahren auf Sicht“, wie es die Regierung betreibt, kann in niemands Interesse sein.

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  • thewisemansfear 11:49 am am April 16, 2014 Permalink
    Tags: Finanzkrise, Geschichte, , Krieg, Trotzki, , Wachstumszwang   

    Aus der Geschichte lernen 

    Es ist schon erstaunlich, was für Parallelen sich auftun, wenn man einen Blick zurück in die Vergangenheit wirft. Sehr ähnliche Probleme wie heute, nur mittlerweile auf einem anderen, höheren Level. Es stellt sich die Frage, ob es nicht die alle paar Jahrzehnte aufflackernden Kriege waren, durch deren Zerstörung des vormals Geschaffenen und dem anschließenden Wiederaufbau das „ganze System“ weiter betrieben werden konnte. Technischer Fortschritt allein reicht bei weitem nicht aus. Wer Schumpeters „schöpferische Zerstörung“ verstanden hat, weiß, dass alte Strukturen Neuerungen platz machen und weichen mussten. Ein Krieg ist dabei die schnellste aber zugleich meistverschwenderische Variante. Sowohl an materiellen Ressourcen als auch an Humanressource (zynisch gesprochen)… Es wird wirklich Zeit, das System insoweit zu reformieren, dass der (exponentielle) Wachstumszwang eliminiert wird. Kooperation statt Egoismus zu propagieren wäre ein Anfang.

    Im Gründungsdokument der Vierten Internationale, das nur ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geschrieben wurde, zeichnete Trotzki ein präzises und schonungslos genaues Bild des Zustandes des Weltkapitalismus:

    „Die Produktivkräfte der Menschheit haben aufgehört zu wachsen. Neue Erfindungen und technische Neuerungen vermögen bereits nicht mehr zu einer Hebung des materiellen Wohlstands beizutragen. Unter den Bedingungen der sozialen Krise des gesamten kapitalistischen Systems bürden Konjunkturkrisen den Massen immer größere Entbehrungen und Leiden auf. Die wachsende Arbeitslosigkeit vertieft wiederum die staatliche Finanzkrise und unterhöhlt die zerrütteten Währungen. Demokratische wie faschistische Regierungen taumeln von einem Bankrott in den anderen.

    Die Bourgeoisie sieht selbst keinen Ausweg. In den Ländern, wo sie bereits gezwungen war, den Faschismus als ihre letzte Karte auszuspielen, schlittert sie mit geschlossenen Augen in eine wirtschaftliche und militärische Katastrophe. In den historisch privilegierten Ländern, d. h. jenen, wo sie sich auf Kosten des zuvor angesammelten nationalen Reichtums noch eine Zeitlang den Luxus der Demokratie leisten kann (Großbritannien, Frankreich, Vereinigte Staaten usw.), befinden sich alle traditionellen Parteien des Kapitals in einem Zustand der Ratlosigkeit, der an Willenslähmung grenzt. …

    Die internationalen Beziehungen bieten kein besseres Bild. Unter dem wachsenden Druck des kapitalistischen Niedergangs haben die kapitalistischen Gegensätze die Grenze erreicht, jenseits derer die einzelnen Zusammenstöße und blutigen lokalen Unruhen (Äthiopien, Spanien, Ferner Osten, Mitteleuropa) unausweichlich in einen Weltbrand umschlagen müssen. Die Bourgeoisie ist sich selbstverständlich der tödlichen Gefahr bewusst, die ein neuer Krieg für ihre Herrschaft bedeutet. Aber diese Klasse ist heute noch unendlich weniger imstande, den Krieg abzuwenden, als am Vorabend von 1914.“

    Trotzki ließ seiner Beschreibung der Krise des Weltkapitalismus eine Warnung folgen: “Ohne eine sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht der gesamten menschlichen Kultur eine Katastrophe.“  aus http://www.wsws.org/de/articles/2014/04/15/pers-a15.html zitiert.

     
    • GeorgT 2:20 am am April 19, 2014 Permalink | Antworten

      Wie es um die Lernfaehigkeit der Menschen ueber Zeitraume, die mehrere Generationen betreffen, bestellt ist, zeigt auch dieses Zitat aus dem Ahlener Programm der CDU von 1947:

      „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen.

      Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert.“

      – CDU: Ahlener Programm 1947

      http://de.wikipedia.org/wiki/Ahlener_Programm

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