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  • thewisemansfear 8:32 pm am March 5, 2015 Permalink
    Tags: , Energie, Ersparnis, , , Mackenroth, Transferunion   

    Warum die Eurozone zur Transferunion wird 

    These: Deutschlands Wirtschaftspolitik der dauerhaften Überschüsse ist der Grund, warum die Eurozone sich in eine Transferunion wandeln muss.

    Begründung: Leistungsbilanzüberschüsse (Dauerhafte erst recht) erzwingen (aufgrund formaler Logik) ein entsprechend hohes Defizit an anderer Stelle. Das zehrt so lange an der Substanz des Defizitärs, bis im Grunde nichts mehr übrig ist. Das ist auf Staatenebene ebenso wenig sinnvoll und wünschenswert wie auf Bundesländer-Ebene und darunter. Damit es weiter „rund läuft“ benötigt es einen Ausgleich. Wer dies als Solidaritäts-Duselei oder ähnliches abtun möchte, argumentiert im Prinzip mit dem egoistischen Recht des Stärkeren. In den Medien werden sehr viele Vorurteile bedient, die darauf aufbauen. Dabei findet sich Merkantilismus all das wieder: da werden die Nachbarn ausgebeutet was das Zeug hält und eigene Wirtschaft „geschützt“.

    Warum dauerhafte Überschüsse nicht funktionieren können und (un)mittelbar zu einen Ausgleich führen müssen, lässt sich aus meiner Sicht gut anhand von Stromproduktion und -verbrauch verdeutlichen. Man verzeihe mir die unsaubere Wortwahl, genaugenommen wird Strom natürlich nicht „produziert“, sondern Energie in eine für uns nutzbare Form umgewandelt. Am Ende einer oder mehrerer elektro-mechanischer Umwandlungen (Maschinenantrieb oder bei digitalen Gadgets) existiert diese Energie nur noch als nicht mehr nutzbare Abwärme.

    Beim Strom weiß mittlerweile auch der technische Laie, dass „Produktion“ und „Verbrauch“ zusammenfallen müssen, d.h. wenn der Wind ordentlich bläst und die Sonne richtig scheint, muss der Strom irgendwie zum Verbraucher geleitet werden. Das gilt für die konventionelle Kraftwerke genauso. Man kann die anfallenden Mengen schlicht nicht vernünftig zwischenspeichern.

    Zentral an einen Fleck lauter AKWs oder auch PV- und Windanlagen zu bauen, wird konsequenterweise als unsinnig erachtet. Egal, wie viel Strom“überschuss“ dort anfiele, ohne Leitungen (Transfers!) bekommt man den Strom von dort nicht weg. Kann aber auch sein, dass die Nachbarn den partout nicht wollen, dann muss man die Kraftwerke entweder schnell genug runterregeln oder es rummst relativ großflächig. Bei ansteigender Spannung und eventuell auch Frequenz sind irgendwann die Betriebsgrenzen ziemlich vieler Geräte erreicht, die hauchen dann nach und nach ihr Leben aus.

    Jede Region hat einen auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmten Bedarf und dementsprechend eine darauf zugeschnittene Produktion. Überschüsse kann es prinzipbedingt mangels Speicherung nicht geben. Der eigentliche Energiespeicher ist ja letztlich Kohle, Öl oder Gas. Wenn dieser umgewandelt (verbrannt) wird, entsteht eine für diesen begrenzten Zeitraum nutzbare Energieform. Strom zwischenzuspeichern ist bislang nur in begrenzter Form möglich (elektro-chemisch). Das Ende der Fahnenstange in der Entwicklung ist da wohl noch nicht erreicht, aber der Knackpunkt ist ein anderer:

    Es geht um die monetären Überschüsse, die Deutschland weiter und weiter anhäuft. Man tut dies hierzulande, weil man glaubt bzw. eingeredet bekommt, dass diese für die Zukunft gespeichert („gespart“) und später abrufbar wären. Dass diese Sichtweise falsch ist, wurde u.a. im Mackenroth-Theorem beschrieben. Auf volkswirtschaftlicher Ebene kann es kein monetäres „Sparen“ geben, da sämtliche Bedarfe aus dem existierenden Kapitalstock bedient werden. Deutschland insgesamt saugt nach wie vor Kapital aus dem Ausland ab und gleichzeitig drückt die hiesige Politik dort weiter ihr Austeritäts-Dogma durch. Zu blöd, dass dadurch die Deindustrialisierung voranschreitet und der Kapitalstock verkümmert… Ja, genau der, von dem die monetären „Ersparnisse“ später wieder in „Leistung“ eingelöst werden sollen. Wofür hat man auch sonst Leistung gegen monetäre Ansprüche erbracht bzw. „eingetauscht“?

    Wer Widersprüche erkennt, sollte diese vielleicht an seinen Bundestagsabgeordneten, Zeitungsredakteur seines Vertrauens oder auch seinem Nachbarn berichten. Vielleicht hilft das der (Un-)Logik auf die Sprünge. Ohne Ausgleich geht es nicht, weder mit Strom noch mit Geld. Wenn ich daran denke, dass die ganze Privatvorsorge-Milchmädchenrechnung letztlich ohne den Wirt gemacht ist…


    Nachtrag: Bei sehr vielen Dingen im (wirtschaftlichen) Tun und Handeln geht es darum, wie man „Ersparnis“ bildet, von der man in „mageren Zeiten“ oder am Lebensabend zehren kann. Dieses Denken führt aber gesamtwirtschaftlich gesehen in die Irre…
    Landwirten früher lag das noch im Blut: die Ernte musste mit genug Überschüssen eingefahren werden, um über den Winter zu kommen. So ist es bei Lebensmitteln auch heute noch, nur gibt es vielfältige Wege der Zwischenspeicherung in Form von Kühlhäusern, ganze Gewächshäuser unter Kunstlicht/Heizung oder gleich in anderen Breitengraden. Alles eine Frage der zur Verfügung stehenden Energie, z.B. für den Transport. Mit dieser Abhängigkeit vor Augen, sollte man immer mal wieder prüfen, wie nachhaltig dieses System funktioniert, erst recht wenn es unter Stress gerät.


    tl;dr: Ohne vernünftigen Speicher kann keine „Ersparnis“ gebildet werden. Geld ist was das angeht gerade *kein* Wertaufbewahrungsmittel für die breite Masse. Hier kommt das nächste Paradoxon zum Tragen: sparen alle/genügend viele Geld, geht der Schuss genau nach hinten los.

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  • thewisemansfear 9:00 pm am March 1, 2015 Permalink
    Tags: Energie, Marc Blyth, Paradoxa, ,   

    Wirtschaftspolitische Paradoxa 

    Was haben alle gescheiterten Theorien / Ideen / Systeme gemeinsam? Sie sind an ihren Widersprüchen gescheitert. Inspiriert zum folgenden Beitrag hat mich Marc Blyth in seinem Weckruf an die alte Tante SPD. Dort stellt er zunächst fest, was Deutschland statt der üblichen Legende „Hartz-Reformen“ wirklich den Vorteil an Wettbewerbsfähigkeit verschaft hat (der uns nach wie vor „Überschüsse“ in ungeahnten Ausmaßen einfahren lässt):

    1. die Deutsche Einheit – der Druck auf die Löhne ausgelöst von einem ca. 10 Millionen großen Heer an Arbeitskräften war gerade im ehemaligen Grenzgebiet enorm.
    2. Outsourcing der (Automobil-)Zulieferer nach Osteuropa (und weiter weg)
    3. Gewerkschaften, die aus Angst vor weiterer Arbeitsplatzverlagerung (und auf politischen Druck hin) vergessen haben, für die Arbeitnehmer einen gerechten Anteil gemessen am Produktivitätszuwachs einzufordern

    Wenn wir also über Wettbewerbsvorteile reden – da kommen sie her. Hartz war noch das Tüpfelchen auf dem i, der Ausbau des Niedriglohnsektors und damit die Subventionierung von Vorleistungen. Er stellt richtigerweise fest, dass die Nachfrage nach Exportartikeln im Importland jeweils als Konsequenz der eigenen Wirtschaft das Wasser abgräbt. Das aber nur am Rande. Weiter im Text stößt man auf folgende Aussage:

    The take home lesson is perhaps then that Germany is only Germany because everyone else is “not Germany.” To try and make everyone a bit more like Germany can only mean the expansion of a poorly paid service sector and the introduction of a minimum wage to compensate. I do not think that’s what structural reform advocates recommend, but it’s where we may end up.

    Die deutsche Wirtschaft hat nur deswegen ihre „herausragende“ Exportstruktur, weil eben die anderen Länder genau nicht wie Deutschland sind. Jeder Versuch einer Angleichung durch dieselben „Reformen“ läuft darauf hinaus, dass die Wettbewerbsvorteile aus Sicht von Deutschland schwinden (und in einer Währungsunion zusätzlich deren Binnenmarkt zerstört wird). Es können eben nicht alle gleichzeitig ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern, da diese Größe nur eine relativen Vergleich liefert. Es ist paradox von Seiten der Politik zu fordern, dass es andere Länder Deutschland nur gleich tun müssten, und sie würden wieder auf den Erfolgspfad zurückkehren.

    Dasselbe gilt für die Argumentations“logik“ bezüglich Überschuss/Defizit. Es ist sinnentleert, als Gläubiger die Reduzierung des Defizits auf Seiten des Schuldners zu fordern, dies aber gleichzeitig durch Beibehaltung der eigenen Überschüsse zu verunmöglichen. Paradox, aber es hält unsere Politiker nicht davon ab, weiter so zu tun, als ob das eine mit dem anderen nichts zu tun hätte. Man kann es gar nicht oft genug sagen, Überschüsse auf der einen Seite bedingen Defizite an anderer Stelle.

    Als vielleicht wichtigsten Punkt ist aber folgendes Dilemma zu nennen: Je mehr Gehirnschmalz in Produktivitätsfortschritte gesteckt und weitere Automatisierung betrieben wird, desto schneller entzieht man dem aktuellen System „Wirtschaft“ seine Grundlage. Diese ist immer noch Lohnarbeit, d.h. die Lohnempfänger konsumieren die produzierten Güter/Dienstleistungen. Der Spruch von Henry Ford lautete: „Autos kaufen keine Autos“. Er hat mit ordentlichen Lohnsteigerungen bei seinen Mitarbeitern den eigenen Erfolg erst möglich gemacht. Nur Maschinen und Roboter sind zwar hochproduktiv, sind aber keine Lohnempfänger. Man hat im Prinzip zwei gegenläufige Trends, einmal einen riesigen potentiellen Output an Gütern und gleichzeitig eine erodierende Kaufkraft bei der Masse an Leuten. Dazu kommen noch Sättigungseffekte bei den oberen 10%, die selbst in verschwenderischster Manier nur schwer hinterher kämen, ihre Einkommen wieder auszugeben.

    Zu den aufgezählten Widersprüchen kommt noch das Wachstumsdogma hinzu: „Alles wird gut, so lange es nur wieder gelingt, Wirtschaftswachstum zu erzeugen.“ So touren dann selbst Gewerkschaftsbosse durch die Gegend. Da aber auch die die Ressourcenproblematik nicht komplett ausblenden können, diskutiert man bei der IG-Metall mittlerweile über cradle-to-cradle Ansätze. Immerhin, aber selbst bei möglichst ressourcenschonendem Umgang und hoher Recyclingquote stehen noch viele weitere Fragen im Raum. Wie gewöhnt man einer an Erdöl/-gas gewöhnte Gesellschaft möglichst sanft ihren verschwenderischen Lebensstil ab? An dieser Stelle entsteht schon der nächste Widerspruch. Auf nichts verzichten UND umweltschonende Lebensweise ist kaum miteinander zu verheiraten. Nur entziehen wir mit einem „weiter so“ unseren Nachkommen die Lebensgrundlage. Ich bin gespannt, wie es an der Stelle weitergeht, irgendwann muss man sich schließlich der Realität stellen.

     

     
    • guthabenkrise 8:58 pm am März 2, 2015 Permalink | Antworten

      „cradle to cradle“ ist das richtige bild, wohin man die Produktivkräfte des Kapitalismus lenken muss. Braungard schreibt ja, „Wir können(müssen) die ganzen Welt neu erfinden“. Dazu muss man einfach Naturverbrauch statt Arbeit besteuern. Naturverbrauch ist eine Externalität, welche von Marktmechanismen nicht ausreichend erfasst wird. Selbst als ultraliberaler Ökonom könnte man Konzepte dafür befürworten – ich verstehe es einfach nicht, das Ökonmenversagen….

      • thewisemansfear 9:58 pm am März 2, 2015 Permalink | Antworten

        Ja, mit diesen Widersprüchlichkeiten müssen die libs wohl leben… Ultraliberal wäre auch, dass überall auf der Welt gleicher Lohn für gleiche Arbeit gelten würde (Unterschiede gäbe es dann nur noch in Bezug auf die Produktivität). Das, was wir unter Kapitalismus verstehen, funktioniert ja nur unter Ausnutzung von Preisdifferenzen. c2c-Ansätze allein würden die Wirtschaft vollkommen umkrempeln, mit Kapitalismus herkömmlicher Art ist das nicht mehr vereinbar. Genauso wenig wie die Energiewende ins aktuelle Wirtschaftsgeschehen passt. Nachhaltigkeit und Profitstreben passen einfach nicht zusammen.

    • guthabenkrise 3:38 pm am März 3, 2015 Permalink | Antworten

      >>>Nachhaltigkeit und Profitstreben passen einfach nicht zusammen.

      Da bin ich ganz anderer Meinung – die Nachhaltigkeit muss nur profitabel werden und genau dies leistet die Besteuerung von Naturverbrauch statt Arbeit. Die ökologischen Rationalitätenfallen sind auch kein isoliertes Phänomen der Spezies „Unternehmer“. Mit Ideologie und Bürokratie wird man die ökologischen Herausforderungen nicht lösen, vielmehr ist n.m.E. gerade hier die Produktivkraft des Kapitalismus gefragt.

      • thewisemansfear 6:01 pm am März 3, 2015 Permalink | Antworten

        Ja, es wird derzeit verdammt viel externalisiert, so dass eine „Fehlsteuerung“ über die preislichen Anreize vorliegt. Aber Nachhaltigkeit bedeutet ein Bewusstsein der Systemgrenzen, dass man nur so viel extrahieren kann, wie wieder nachwächst/von außen zugeführt wird. Innerhalb dieses Systems dann noch Kapitalakkumulation zu betreiben, ist sinnfrei oder findet nur in der Phantasie statt. Vielleicht fehlt es mir da auch nur an Vorstellungskraft 🙂
        In einem System, was von außen betrachtet im Gleichgewicht ist (so verstehe ich „nachhaltig“), ist der Gewinn an einer Stelle zwingend der Verlust an anderer Stelle. An der einen Stelle baut man etwas auf und dafür geht woanders etwas zugrunde. Das macht schlicht keinen Sinn. Über neue Ideen sind solche Umbrüche nach wie vor wichtig (ähnl. Schumpeters „Kreativer Zerstörung“), aber so sinnentleert wie Wettbewerb gerade stattfindet, kommt man auf keinen grünen Zweig.

    • guthabenkrise 7:13 pm am März 3, 2015 Permalink | Antworten

      >>>ist der Gewinn an einer Stelle zwingend der Verlust an anderer Stelle.
      >>>Vielleicht fehlt es mir da auch nur an Vorstellungskraft

      Da helf ich gern. 🙂

      Der Gewinn ist, weniger Lenkungssteuer zu zahlen, dies ist theoretisch der Verlust des Staates. Aber kann dieser natürlich auch die Steuersätze immer mehr anpassen, was zur Verstärkung der Lenkungswirkung eh erforderlich ist.

      1l Öl sind 10kWh – der Mensch leistet 0,1KW – bedeutet 1l Öl = 100h Menschenarbeit

      bedeutet, nur ein maximal produktives System kann auf die billigen Fossilsklaven verzichten. Und der Kapitalismus leidet an Überproduktivität. deshalb kann man ideal den Ausstieg über Lenkungssteuern steuern – aber eben nur im produktiven Kapitalismus und nicht in einer unproduktiven „Bewusstseinswirtschaft“.

      • thewisemansfear 9:49 pm am März 3, 2015 Permalink | Antworten

        Ja, okay, wir verteilen die notwendige Arbeit auf möglichst alle Köpfe um, indem Produktivität insgesamt reduziert wird. D.h. die Hochproduktiven genießen einfach mehr Freizeit oder die Umweltbedingungen erzwingen es, dass die Maschinen still stehen.
        Ich erkenne nur noch nicht, wo das den o.g. Zusammenhang „widerlegt“. Wo ist das Nullsummenspiel von Gewinn und Verlust aufgehoben, bzw. wo ist der Sinn darin? Die einen erwirtschaften „Mehrwert“ und bekommen den anschließend wieder wegbesteuert, damit es nicht erneut zu Konzentrationsprozessen kommt. Wo zieht man die Grenze?
        Die jetzige Spielanordnung taugt da m.E. nicht mehr.

    • guthabenkrise 10:21 pm am März 3, 2015 Permalink | Antworten

      >>Wo ist das Nullsummenspiel von Gewinn und Verlust aufgehoben,

      Bei den Sachwerten – das Nettovolksvermögen ist identisch mit Zuwachs an Sachvermögen.

      Aber was ist der Sinn des Wirtschaftens?

      Für die Deutschen das Sammeln von Ansprüchen auf Gegenleistung als Kompensation von Angst?
      🙂 😦

      also Geldvermögen = einem gesamtwirtschaftlichen Nullwert – wir verarmen am „Nullwertsparen“

      Wirtschaften ist Bedürfnisbefriedigung und gegen die Angst hilft nur eine blümsche Sozialversicherung.
      Und wenn man Markt STEUERert statt ihn zu zerstören, geht dies alles locker zu finanzieren.

      Die zu steuernden Dinge sind recht trivial, Naturverbrauch und sonstige Externalitäten, Marktvermachtung und den Angebotszwang des Arbeitnehmers aus „Urschuld“. Dass man dies alles nicht macht hat immer wieder durchaus zutreffendes argument: „dann würde zu wenig investiert“.

      Deshalb ist eine Guthabenbremse = Investitionsautomatik die „Mutter aller Reformen“ des Kapitalismus.

      dann könnte man z.B. solche Dinge machen:
      http://www.steuerndes-grundeinkommen.de

  • thewisemansfear 2:29 pm am November 29, 2014 Permalink
    Tags: , Energie, Herdentrieb, , ,   

    Das Ölkartell: dank Wettbewerbsideologie im Selbstzerstörungsmodus 

    „Ölpreis schmiert ab“ titelt das Handelsblatt in einer aktuellen Meldung. Schuld daran sei das Festhalten der OPEC an den aktuellen Fördermengen. Allen voran Saudi-Arabiens Ölminister Al-Naimi wird zitiert mit:

    „Niemand sollte kürzen, und der Markt wird sich von selbst stabilisieren.“

    Ahja, der Mann muss es wissen… Die Funktionsweise „des Marktes“ ist klar: düstere Zukunftsaussichten mit geringerer Öl- bzw. Energienachfrage bei gleichbleibendem Angebot bzw. Fördermenge drückt den Preis, bis das vielbeschworene Gleichgewicht im Markt wieder gefunden ist. Wie wunderbar dieser Mechanismus funktioniert, sieht insbesondere am Langfristchart sehr beeindruckend aus (Augenmerk um 2008 herum):

    2007/08 war man voller überschwänglicher Erwartungen in die wirtschaftliche Entwicklung (noch vollkommen untertrieben) – bis die Blase geplatzt ist. Jetzt verkehren sich die Vorzeichen, nur anstatt mit Förderkürzungen das Angebot zu verknappen, um den Preis möglichst stabil auf hohem Niveau zu halten (ist ja auch eine psychologische Maßnahme, die die Erwartungshaltung der Marktspezis erfüllen würde) passiert genau – nichts. Ist ein Kartell normalerweise dazu gedacht, durch unerlaubte Preisabsprachen den Preis für eine Sache künstlich nach oben zu treiben, steht die Wettbewerbsideologie dem nun konträr im Wege.

    Wie ist das erklärbar? Eigentlich ganz einfach, es ist wohl so ähnlich wie: Wer zuerst zuckt, hat verloren. Wer einseitig die Fördermenge verknappt, ohne dass der Rest mitspielt, gibt am Ende Marktanteile ab und im schlimmsten Fall verpufft die Reduzierung nahezu vollständig ohne Stabilisierungswirkung auf den Preis. So argumentiert denn auch Saudi-Arabien.

    Die Angst vor der Konkurrenz, die einen überrollt, wenn man nicht 110% gibt

    So wendet sich die Wettbewerbsideologie am Ende gegen die Systemprofiteure. Wäre eigentlich eine schöne Anekdote, wenn die Folgen für die gesamte Weltwirtschaft nicht so beträchtlich wären. Man muss sich das nur mal vor Augen halten: In Zeiten steigender Preise und berauschender Zukunftsaussichten kann sich niemand der Akteure erlauben, kürzer zu treten, man ist in ständiger Furcht davor, sonst Marktanteile an die Konkurrenz abzugeben. Also wird alternativlos aufs Gas getreten, neue Fördermöglichkeiten ersonnen und umgesetzt, nur um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Ich habe in der Solarindustrie den Boom live miterlebt, da gab es kein Durchschnaufen, nein, da wurden alle möglichen Anstrengungen unternommen, das bestehende System so gut es geht zu skalieren und die Produktionskapazitäten auszubauen. Blöd wird es dann, wenn man langsam realisiert, dass man hier ein Hamsterrad antreibt, was unter den eigenen Füßen ein Eigenleben entwickelt und einen umzureißen droht. Die Blase an übertriebener Erwartungshaltung ist geplatzt, man leckt sich immer noch die Wunden davon. Aktuelle Kapazitätsauslastung? Lieber nicht nachfragen…

    Sinken nun die Zukunftsaussichten, vermag es dank derselben Ideologie wieder der Einzelne nicht, dem sich in Gegenrichtung drehenden Hamsterrad zu entkommen. Wer nicht mitzieht, läuft am Ende Gefahr, Marktanteile abzugeben. Wir werden sehen, an welcher Stelle sich der Markt wieder von selbst „stabilisiert“.

    Folgen für die Weltwirtschaft

    In einer Wirtschaft, in der vor allem durch langfristige Anreizsysteme gesteuert wird, sind sinkende Preissignale bei Energie fatal. Kurzfristig bringen sie Entlastung bei den Verbrauchern, aber langfristig werden damit Investitionen in (jetzt noch) teure Entwicklungen unattraktiv und eingestellt. Die Ölproduzenten können ein Lied davon singen, etliche aktuelle Fördertechniken rentieren sich erst oberhalb einer gewissen Preisschwelle. Mal eben eine Öl-/Gasquelle abschalten und dann wieder aktivieren, wenn der Preis wieder genehm ist, funktioniert jedenfalls nicht.

    Als kurzes Fazit an dieser Stelle: Statt relative Preisstabilität mit langsam steigenden (oder fallendem) Verlauf sehen wir dank Wettbewerbsideologie ein kurz aufeinander folgendes Auf- und Ab von Über- und Untertreibungen. Das ist keine Wirtschaftsordnung, die langfristig überleben wird. Mit effektiver Ressourcenallokation hat das nichts im Entferntesten zu tun. Wenn man denn feststellt, dass der jetzige Talflug übertrieben ist, geht der Schweinezyklus von vorne los. Bis dahin sind aber reale Produktionskapazitäten verschwunden und müssen erst aufwändig wieder aufgebaut/aktiviert werden. Herdentrieb at its best.

    An einen ausführlicheren Beitrag zum Thema sei hier verwiesen: Trifft Russland Venezuela auf dem Weg zu einer zweiten OPEC?

    Update 08.12.: Auch Heiner Flassbeck hat das Sinken des Ölpreises in einem Radiointerview thematisiert: Der stark gesunkene Ölpreis: Ein ökologischer Rückschlag

     
    • bertrandolf 10:13 am am November 30, 2014 Permalink | Antworten

      Das in der Marktwirtschaft ständig Schweinezyklen auftreten ist aber nicht unbedingt etwas neues.

      • thewisemansfear 3:48 pm am November 30, 2014 Permalink | Antworten

        Ich betrachte das aus der Sicht eines Ingenieurs. Und wenn es wie oben zu sehen zu einem solchen Schwingungsverhalten kommt, dann gehört im System eine Dämpfung nachgerüstet. Der Öl-/Energiepreis ist nicht irgendetwas. Der hat in unseren modernen Dienstleistungs- und Industriegesellschaften eine Schlüsselrolle inne.
        Der Abstand der einzelnen Zyklusphasen wird zunehmend kürzer, so ist keine langfristige Planung mehr möglich. Das führt das ganze (Wirtschafts-)System ad absurdum.
        Das sollte eigentlich rüberkommen.

        Schauen Sie sich diesen Beitrag von Chris Martenson an, diesen Gegebenheiten sollte der Energie-/Rohstoffpreis eigentlich Rechnung tragen: https://www.youtube.com/watch?v=is0Ww5lu6Pg

  • thewisemansfear 1:36 pm am June 19, 2014 Permalink
    Tags: , Energie, International Energy Agency, , ,   

    Der Ölpreis balanciert auf Messers Schneide 

    Beim heutigen Beitrag geht es um den Schmierstoff moderner (Volks-)Wirtschaften schlechthin – das Öl. In einem Fass (159l) steckt ein Energiegehalt von 5,88 GigaJoule, im Vergleich dazu verbraucht ein Mensch pro Tag in etwa 8,5 MegaJoule (ca. 2.000kcal). Aber um die menschliche Ernährung geht es bei dem Stoff nur sekundär, vielmehr um seine Rolle als „low-entropy“ Energiequelle. Wenn man sich vor Augen hält, dass man für diese Energie mal weniger als eine Handvoll Dollar hinblättern brauchte, dann wirkt das fast schon grotesk. Wie bei allem in der Welt gilt: ist im Überfluss davon da, besitzt es keinen monetären/zählbaren Wert. Erst mit einer Verknappung bildet sich dieser heraus.

    Nach Angaben der International Energy Agency (IEA) sind 2011 weltweit knapp 89 Millionen Fass Rohöl pro Tag verbraucht worden. Die Peak-Oil Debatte existiert nicht erst seit gestern, man ist sich letztlich uneins, wie lange noch auf diesem Niveau weiter gefördert werden kann oder ob wir bereits das Fördermaximum überschritten hätten. Wer sich unbedarft mit der Diskussion auseinandersetzt, könnte schnell versucht sein, mit den Schultern zu zucken und dem „Problem“ keine große Relevanz beimessen, da Peak bedeuten würde, es wäre ungefähr nochmal so viel Öl vorhanden. Pustekuchen. Der Zusammenhang ist nicht so trivial.

    Es gibt unterschiedliche Arten von Ölvorkommen

    1. crude oil (Rohöl), höchste Konzentration, sehr leicht zu extrahieren
    2. offshore oil (aus dem Meer gewonnenes Rohöl), ebenfalls hohe Konzentration, der Extraktionsaufwand nimmt zu (Bohrinseln)
    3. tar sands (in Teersanden gebundenes Öl), niedrigere Konzentration, höherer Aufwand zur Extraktion (Trennung mittels Chemie)
    4. shale oil (in Schiefergestein gebundenes Öl), im Vergleich die niedrigste Konzentration, erneut höherer Förderaufwand + Nutzbarmachung

    Mit jeder dieser Stufen nimmt der Extraktionsaufwand zu. D.h. es steigen sowohl monetäre Kosten als auch energetischer Aufwand. Das Verhältnis von aufgewendeter zu gewonnener Energie sinkt, die Förderung wird zunehmend unökonomisch. Spätestens wenn man in Bereiche kommt, wo man kaum noch mehr „hinten raus“ bekommt, als von „vorne rein“ steckt, wird man von einer weiteren Förderung absehen. An dieser Stelle sollte klar werden, dass wir kein Problem ausgehender Rohstoffe haben, sondern dass ab einem Zeitpunkt X der weitere Abbau wegen schwindender Erträge (diminishing returns) nicht mehr lohnt. Der Rest an Rohstoffen verbleibt dann einfach ungenutzt in der Erde (siehe Quelle im Bild oben). Wichtig zu verstehen ist, dass sich diese Problematik auf so ziemlich alle mineralischen Abbauprodukte übertragen lässt, keinesfalls nur auf Öl begrenzt ist.

    Das Dilemma um die Höhe des Preises

    Der Preismechanismus soll ja nach Marktlogik® genau das gewährleisten: abschätzen zu können, wann sich etwas lohnt, bzw. nicht (mehr) lohnt. Der Ölpreis muss demnach steigen, damit die Erschließung der Vorkommen niedrigerer Konzentration weitergehen kann – andernfalls lohnt es nicht weiter. Die Kehrseite der Medaille ist die, dass sich höhere Energiepreise negativ auf das Wirtschaftswachstum® auswirken. Höhere Aufwendungen für Strom/Heizung/etc. verringern direkt das verfügbare Haushaltseinkommen für Konsum™. Das ist den Verantwortlichen nur allzu bewusst, sonst würden Forderungen nach „bezahlbarer Energie(wende)“ nicht so vehement von Politikern und Industrievertretern vertreten. Hier beißt sich die Katze allerdings in den Schwanz, denn ohne dass Energie teurer wird, erreicht man früher den Zeitpunkt, an dem die weitere Förderung nicht mehr rentabel durchzuführen ist. Das System steuert an dieser Stelle auf eine nicht zu überwindende Grenze zu.

    Zusammenhang von Energiepreis und Wirtschaftswachstum, Quelle: http://ourfiniteworld.com/2014/05/21/the-connection-between-oil-prices-debt-levels-and-interest-rates/  (Fig. 8)

    Zusammenhang von Energiepreis und Wirtschaftswachstum, Quelle: http://ourfiniteworld.com/2014/05/21/the-connection-between-oil-prices-debt-levels-and-interest-rates/ (Fig. 8)

    Dieser empirische Beleg ist kein Nachweis kausaler Zusammenhänge. Man sieht jedoch gut, wie sich Öl- und Energiepreise relativ im Gleichtakt mit der Wirtschaftsentwicklung bewegen. Das führt uns direkt zum nächsten Schaubild, auf dem die Ausgaben/Aufwendungen (capital expenditures – capex) einiger der führenden Öl-/Energiemultis (entsprechen ca. 1/3 des Weltmarktes) aufgelistet sind:

    Während der letzten 10 Jahre sind diese kontinuierlich auf das Fünffache gestiegen. Im selben Zeitraum ist die absolute Ölfördermenge auf dem selben (hohen) Niveau verharrt. Das trägt den oben genannten Zusammenhängen Rechnung, dass die Erschließung weiterer, weniger effizient auszubeutender Quellen nicht ohne monetären Mehraufwand vonstatten geht. Wichtig ist der Forecast, der bestenfalls stagniert oder nach einigen Prognosen sogar wieder sinken soll. Ein weiteres Zeichen, dass Aufwand/Nutzen für die Unternehmen in einem zunehmend ungünstigeren Verhältnis stehen.

    Der Tanz auf Messers Schneide

    Niemand kann konkret vorhersagen, welche Auswirkungen eine neuere wirtschaftliche Schwächephase für Auswirkungen haben wird. In der Weltpolitik sprießen die Konfliktherde geradezu wie Pilze aus dem Boden. Was für Auswirkungen ein neuerlicher Schock durch Platzen der nächsten Finanzmarkt-Blase hätte, lässt sich allenfalls erahnen. Dass der Ölpreis dadurch unter Druck gerät, steht außer Frage. Damit würden u.U. sofort weitere Investitionen bei der Förderung auf Eis gelegt, was sich mittel- und langfristig auf die globale Wirtschaft und damit jeden von uns auswirken wird. Ein Zurückkehren auf das alte Niveau würde wahrscheinlich Jahre dauern. So lange, bis sich der Preis wieder „erholt“ hätte und die Investitionen nachgeholt werden könnten. Unter Umständen wird das bisherige Niveau aber auch gar nicht mehr erreicht werden können.

    Von verantwortungsvoller Politik (und deren Beratern) würde man erwarten, dass solcherlei Abhängigkeiten erkannt werden und man versucht, diese zu beseitigen. Wachstum in Form eines immer höher wachsenden tumbling-towers kann niemand ernsthaft wollen. Leider ist es so, dass Wachstum® längst zum nicht mehr hinterfragten Selbstzweck verkommen ist. Die Gründe dafür werden im kommenden Beitrag beleuchtet.

     

     

     

     
  • thewisemansfear 11:24 am am June 18, 2014 Permalink
    Tags: Daniele Ganser, , Energie, , Herman E. Daly, , , ,   

    Der Zusammenhang von Energie und Wirtschaftswachstum 

    Auf dem vorigen Beitrag aufbauend geht es heute um die Frage, inwieweit Wirtschaftswachstum Grenzen gesetzt sind. Ökonomen beschränken sich leider allzu oft nur auf die monetäre Ebene. Zu Beginn eine kurze Einführung zum Thema Wirtschaften – was geschieht da eigentlich? Menschen erbringen Arbeitsleistung unter Einsatz mehr oder weniger körperlicher Anstrengung (teilweise durch erhebliche technische Hebel „verlängert“) und veredeln dabei Rohstoffe zu höherwertigen Endprodukten. Es kann sich dabei auch nur um einen Teil einer komplexen Wertschöpfungskette handeln, das ist unerheblich. Je nachdem wie hochwertig dieser Veredelungsprozess ist (bzw. angesehen wird), trägt er mehr oder weniger stark zu einem Mehrwert, also Wirtschaftswachstum bei. Ganz profan kann man natürlich auch einfach den Output steigern. Wenn Unternehmen eines können, dann ist es die Skalierung des Ausstoßes. Wir haben aber eine wichtige Komponente noch nicht genannt, die Voraussetzung jeglichen Wirtschaftens ist: Energie. raw-materials-energy-finished-product Da wir aus dem letzten Beitrag gesehen haben, dass alle Dinge einem natürlichen Ausgleichsprozess entgegen streben, welcher nur eine Richtung kennt -> höhere Entropie/“Unordnung“ und gleichzeitig weniger für Arbeit nutzbare Energie. Für den Umkehrprozess muss zusätzliche Energie aufgewendet werden. Wie das im Detail abläuft, hat Steve Keen in diesem Beitrag ausgeführt. Ein Screenshot aus dem Vortrag soll die Vorgänge illustrieren:

    Prozessabläufe in der Wirtschaft

    Prozessabläufe in der Wirtschaft

    • Aus Rohstoffen werden mittels freier „low-entropy“ Energie veredelte (oder einfach mehr) Endprodukte geschaffen
    • als Energieträger stehen regenerative (Sonne, Wind, Wasser, Biomasse) sowie fossile Energieträger (Öl, Gas, Kohle) und Kernenergie zur Verfügung
    • die Entropie des Endprodukts (höherer Ordnung) reduziert sich, allerdings nimmt die Gesamtentropie zu, da gleichzeitig reale Abfälle und Abwärme anfallen (so lange niemand die Unmöglichkeit eines perpetuum mobile widerlegt, bleibt dies eine physikalische Gesetzmäßigkeit, der sich niemand entziehen kann)
    • Recycling von nicht regenerativen Materialien kommt ebenfalls nicht ohne Verluste/Abfälle aus, die nicht mehr verwertet werden können -> Müllberg wächst
    • selbst der Erhalt von Infrastruktur benötigt ständigen Einsatz zusätzlicher Energie (dem Verfall entgegenwirken), der Aufwand steigt mit zunehmender Größe/Komplexität

    Wir halten fest: Ein wachsender Ausstoß an Endprodukten und komplexer Infrastruktur benötigt zwingend auch ein mehr an freier (zur Arbeit verwendbarer) Energie. Nochmal zurück zum letzten Beitrag – so gewaltig die in den Ozeanen gespeicherte Energiemenge auch ist, sie ist nicht oder kaum noch effizient nutzbar. Fossile Energieträger stellen eine einmalige Quelle frei nutzbarer Energie dar, aber irgendwann ist auch dieses Potential erschöpft. Was danach noch bleibt, sind auf der Sonne basierende regenerative Quellen. Kernenergie wird aus gutem Grund gesellschaftlich abgelehnt, das hält einen gewissen Prof. Sinn aber nicht davon ab, den Ausstieg rückabwickeln zu wollen. Die Energiefrage wird uns die kommenden Jahre noch weiter beschäftigen. Aus meiner Sicht wird die Erkenntnis weiter reifen, dass das jetzige Niveau nicht nachhaltig ist.

    Was bedeutet Nachhaltigkeit?

    Nachhaltig bedeutet langfristig stabil, es wird ein Gleichgewicht im System erreicht von verwertbarer einströmender (das ist in unserem Fall die Sonne) und abgegebener Energie. System bzw. Organismus wachsen bis zu einer energetisch auferlegten Grenze, die abgebildete Funktion dient sowohl zur Beschreibung vom Wachstum eines Baumes wie auch von dem eines Menschen. Technische Hilfsmittel lassen uns (als Menschheit) diese Grenzen temporär außer Kraft setzen, aber langfristig, wenn alle Einweg-Energieträger aufgebraucht sind, werden diese Systemgrenzen wieder relevant. Problematisch wird es dann, wenn man sich von einer Energiequelle abhängig macht, von der man weiß, dass sie nicht bis in alle Ewigkeit weiter sprudeln wird. Daniele Ganser hat das im Gespräch mit KenFM sehr gut zum Ausdruck gebracht. Die ersten paar Minuten reichen aus, um die Grundaussage nachvollziehen zu können. Wenn man sich dann noch vor Augen hält, was im Namen des Öls schon für Konflikte ausgetragen wurden und aktuell werden… Öl werde ich im nächsten Beitrag weiter thematisieren, insbesondere die Problematik herausarbeiten, dass der Ölpreis auf Messers Schneide balanciert. Wir wenden uns zunächst wieder dem Hauptthema Wachstum und Nachhaltigkeit zu.

    Kann Wachstum unökonomisch werden?

    Klare Antwort: Selbstverständlich, und zwar dann, wenn die nachhaltigen (systemischen) Grenzen überschritten werden. Beispielsweise durch Ausnutzung technischer Hilfsmittel, die die Basis langfristig erreichbarer Erträge in Mitleidenschaft ziehen. Herman E. Daly beschreibt dies in Ecological Economics folgendermaßen: Je weiter Wachstum voranschreitet, desto weiter verringert sich der Grenznutzen (marginal utility). Durch Rückwirkungen auf das System gibt es in zunehmende Maße negative Rückkopplungen (marginal disutility). Wachstum wird ab dem Punkt unökonomisch, an dem sich Grenznutzen und negative Effekte aufheben und der negative Anteil überwiegt.

    Als Beispiel blicken wir auf den Fischfang. In einer noch unerschlossenen Welt, deren Rohstoff (Fisch-)Reichtum nur darauf wartet, ausgebeutet zu werden, ist der Ertrag rein durch die Größe der Fischfangflotte begrenzt. Dieser lässt sich so lange steigern, wie neue Schiffe gebaut und neue Fischer angeheuert werden und diese die Meere durchkreuzen. Irgendwann ist jedoch eine Grenze erreicht, an der die Menge, die abgefischt wird, den Betrag übersteigt, der auf natürlichem Weg „nachwächst“. Ab diesem Punkt geht eine weitere Steigerung direkt an die Substanz, die den langfristigen Ertrag schmälert.

    Beispiel nicht nachhaltigem Wachstums

    Beispiel nicht nachhaltigem Wachstums

    Das perfide ist, dass sich der Ertrag noch eine ganze Weile absolut gesehen weiter steigern lässt, indem man einfach die Bestände leer fischt. Das läuft dann auf einen klassischen Generationenkonflikt hinaus. Daniele Ganser sagt das im oben verlinkten Interview sehr treffend – wir (die Menschen) seien nicht enkeltauglich.

    Paul Ehrlich (Biologe): „Warum nur ist die Walfangindustrie so emsig dabei, die eigentliche Quelle ihres Reichtums zu zerstören?“ Japanischer Journalist: „Wenn die Walfanindustrie innerhalb von 10 Jahren die Wale ausrotten kann und dabei 15 Prozent Gewinn erzielt, während bei einer nachhaltigen Fangrate der Gewinn nur 10 Prozent beträgt, dann wird man selbstverständlich die Wale in 10 Jahren ausrotten – und danach das Kapital eben zur Ausbeutung einer anderen Ressource verwenden.“ Paul Ehrlich (zit. nach Meadows, 1991, S. 223 f.)  Quelle (S.10)

    Übertragen lässt sich dieses Verhaltensmuster auf so ziemlich alle nachwachsenden und insbesondere nicht-nachwachsenden Rohstoffe wie den Energieträger Öl. Wenn es allein von der Anzahl der Förderquellen abhängt, wie viel gefördert wird, wer macht sich dann noch Gedanken an zukünftige Generationen? Der technische Fortschritt wird uns schon aus diesem Dilemma befreien, so die einhellige? Meinung. Stephen Hawking möchte lieber heute statt morgen ins Weltall aufbrechen, damit die Menschheit wieder ein Ziel vor Augen hat, dass es lohnen würde, verfolgt zu werden.

    Materielles Wachstum ist begrenzt

    Nach Ansicht einiger Ökonomen, die sich dieser Problematik bewusst sind, wird Wachstum durch qualitative „Entwicklung“ propagiert. Der Weg führt weg von der materiellen Industrie direkt in die Dienstleistungs- bzw. Informationsgesellschaft. Zu dumm, dass auch diese Energie benötigt. Wie oben bereits geschrieben, benötigt selbst eine einmal geschaffene komplexe Infrastruktur zu deren Erhalt fortwährend neue Energie. Kollege deedl hat das in einem inspirierenden Artikel zusammengefasst:

    „Es ist also schlicht unmöglich, Wirtschaftswachstum vom Energieverbrauch zu entkoppeln, weil es im Prinzip das gleiche ist. Jegliches Wirtschaften involviert immer Energie in irgendeiner Form. Die Grenzen des Wachstums sind also die Grenzen unserer Fähigkeit, die Energieströme unserer Welt nutzbar zu machen und unsere Abwärme an unsere Umwelt abzugeben. Beides ist begrenzt.“

    Spielt Geld denn überhaupt keine Rolle?

    Doch, natürlich tut es das. Das Lösen der monetären Handbremse durch eine gerechtere Verteilung der Geldmittel ist das Eine. Wolfgang Waldner hat das hier sehr anschaulich beschrieben. Wie mit den natürlichen Ressourcen umgegangen wird und wie es um deren Verteilung steht, ist eine andere Frage. Man darf sich hier nichts vormachen, die monetäre Ausbremsung großer Teile der Bevölkerung ist von den Eliten dieser Welt (die die hier geschilderte Ressourcenproblematik ganz sicher oben auf ihrem Schirm haben) so gewollt. Dazu gehören aber auch wir in den Industrieländern, die den Schwellen- und Entwicklungsländern die Möglichkeiten zur Entfaltung auf ein ähnliches Niveau vorenthalten. Die Ideologie des grenzenlosen Wettbewerbs macht’s möglich. Aber das ist wiederum ein anderes Thema und führte an dieser Stelle zu weit.

     
  • thewisemansfear 2:21 pm am June 17, 2014 Permalink
    Tags: Ökosystem, Energie, Energiewende, ,   

    Hintergrundwissen zum Thema Energie: Entropie und Exergie 

    Um die Probleme rund um Energieversorgung / Energiewende und damit zusammenhängend des Wachstums™ verstehen zu können, muss man sich mit den physikalischen Grundlagen beschäftigen. Naturwissenschaftler sollten mit dem Konzept von Entropie vertraut sein, für diese ist der Beitrag nur als Auffrischung zu verstehen.

    Um uns den Begriffen Entropie und Exergie zu nähern, schauen wir uns die zwei Hauptsätze der Thermodynamik an. Keine Sorge, die sind nur Mittel zum Zweck 🙂

    Von Energie wissen wir – entgegen des landläufigen Sprachgebrauchs – dass sie sich nicht „verbraucht“, sondern nur umgewandelt wird, z.B. in mechanische Arbeit und Wärme. Nichts anderes besagt der sog. Energieerhaltungssatz (1. Hauptsatz der Thermodynamik). Nutzbar machen in Form (elektro-mechanischer) Arbeit lässt sich Energie jedoch nur unter Ausnutzung einer Potentialdifferenz. Die riesige in den Weltmeeren gespeicherte Energie (in Form von Wärme und potentieller Energie) lässt sich nicht nutzbar machen, da sie bei Umgebungstemperatur und auf Höhe Normalnull vorliegt. Wasser fließt nun mal nur den Berg herunter und spontan wird es auch nicht wärmer werden. Das ist im Prinzip schon die Kernaussage des 2. Hauptsatzes der Thermodynamik. Wichtig ist für uns an dieser Stelle, dass es bei der jeweils auftretenden Form von Energie auf die Arbeitsfähigkeit ankommt. Der Zusammenhang verbildlicht sich wie folgt:

    Zusammenhang von Energie, Exergie und Entropie

    Zusammenhang von Energie, Exergie und Entropie

    Die Grafik stammt aus diesem lesenswerten Beitrag, der noch weiter ins Detail bezüglich Exergie geht. Exergie ist sozusagen die Maßzahl der für Arbeit nutzbare Energie. Diese schwindet bei der Umsetzung, im selben Maße nimmt die Entropie zu. Entropie ist in diesem Zusammenhang ein Maß für nicht mehr nutzbare Energie. Irgendwann ist alles Wasser den Berg herunter geflossen, alles auf Umgebungstemperatur abgekühlt, etc. Ein Beispiel aus dem Beitrag soll das verdeutlichen:

    Eine Autobatterie mit 12V, 2,3Ah hat denselben Energiegehalt wie 1kg Wasser der Temperatur von 43°C, nämlich 100kJ. Das Wasser können wir bestenfalls zum Händewaschen oder Abspülen benutzen, während wir die in der Batterie gespeicherte Energie wesentlich besser nutzbar machen können.

    Oft wird Entropie auch als Maß für (Un-)Ordnung (engl. order) eines Systems benutzt. Zur Veranschaulichung dient das folgende Bild:

    Ohne zusätzliche Energie wird man die beiden Flüssigkeiten nicht wieder wie links zu sehen trennen können. Ohne zusätzlichen Aufwand wird auch die Unordnung auf dem Schreibtisch oder im Kinderspielzimmer nicht wieder abnehmen 😉
    Gut veranschaulichen lässt sie sich auch als „Zahn der Zeit“, der überall nagt. Alterung/Zerfall ist nichts anderes, als das Bestreben aller Dinge, einen energetisch niedrigeren Zustand zu erreichen. Die Flussrichtung ist in einem geschlossenen System (welches ich für die Ausführungen zum 2. HS d. T.-Dyn. vorausgesetzt habe) jeweils nur von höherem zu niedrigerem Niveau möglich.

    Der Zahn der Zeit.

    Der Zahn der Zeit.

     

    Wie kommt nun Leben in die Bude und vor allem, wie wird dieser Zustand dauerhaft erhalten? Ganz einfach, dies erfordert einen ständigen Zustrom von freier „low-entropy“ Energie von außerhalb. Diese bekommt unser Planet seit ein paar Jahrmilliarden kostenfrei von der Sonne zur Verfügung gestellt. Daraus hat sich ein richtig gehender Bioreaktor entwickelt:

    ENERGY MOVEMENT IN ECOSYSTEMS (Energiefluss in Ökosystemen)

    Energy moves through TROPHIC LEVELS
    Producers – take in energy by photosynthesis, produce biomass
    CO2 + H2O + light  ->   sugar + O2
    ex: plants (Pflanzen)
    Consumers – organisms that eat other organisms (live or recently dead)
    herbivores eat plants (deer, squirrel)
    carnivores eat animals (fox, bobcat)
    omnivores eat both (turkey) (+Menschen)
    Decomposers – organism that eat dead material (Verwertung durch Zersetzung, es entsteht die Nährstoffgrundlage für die Produzenten/Pflanzen)
    ex: fungi, bacteria, some insects (ants, termites)

    Jede einzelne Station benötigt für sie nutzbare Energie (Exergie), um zu funktionieren. Ebenso entstehen bei der Umwandlung jeweils Verluste, meist in Form von Abwärme. Ohne die Sonne als externer „low-entropy“ Energiequelle käme dieser Kreislauf recht schnell zum Erliegen bzw. erst gar nicht in Gang. Man halte sich nur vor Augen, dass Menschen und sonstige Lebewesen ihre komplette Zellstruktur innerhalb eines bestimmten Zeitraums erneuern, all das ist nur mit „frischer“ Energie möglich. Bei Pflanzen läuft dieser Prozess erheblich schneller ab. Ohne Licht und Wärme ist teilweise innerhalb von Stunden Ende im Gelände. Bedeutsam ist, dass sich lediglich der Zeitraum unterscheidet, wie lange die Lebenserhaltung ohne Zuführung neuer Energie aufrecht erhalten werden kann.

    Vergleich von offenem und geschlossenen System

    Vergleich von offenem und geschlossenen System

    Natürlich steht uns nicht nur die Sonne als Energieträger zur Verfügung. Die Verbrennung von Holz als nachwachsendem Rohstoff kann zur Wärmegewinnung (Kochen, Heizung, etc.) genutzt werden. Ebenso wie Kohle, Öl und Gas als fossile Energieträger mit ungleich höherer Energiedichte zum Einsatz kommen. Nicht vernachlässigt werden sollte jedoch, dass auch diese Erscheinungsformen ohne Sonneneinstrahlung nicht entstanden wären. Der Entstehungszeitraum lässt sich als Mensch nur schwer begreifbar machen. Wir leben im Hier und Jetzt und freuen uns über die Segnungen der Vergangenheit. Oder etwa nicht? Kernspaltung und -fusion stellen ebenfalls Möglichkeiten zur Nutzbarmachung von Energie dar.

    Im nächsten Beitrag werde ich den sich bereits andeutenden Bogen zum Thema Wirtschaftswachstum schlagen und beleuchten, was es mit nachhaltigem Wachstum™ auf sich hat.

     

     

     
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