In der Konsensfalle – eine Lehrstunde über Mehrheitsmeinung, Immunisierung gegen Kritik und dessen Folgen

Bewogen zum Schreiben dieser Zeilen hat mich folgende Kolumne im Handelsblatt – „Die Konsensfalle der Experten“ von Herbert Walter. Es geht darin anfänglich über die Rolle der FED und der Experten in ihrem Dunstkreis, die die Finanzkrise 2007 nicht vorhergesehen haben.

„Drei Soziologen der Universität Berkeley in Kalifornien sind daran gegangen, dieses Rätsel zu lösen. Sie haben sich die Protokolle des Offenmarkt-Ausschusses der US-Notenbank Fed vorgenommen, die jeweils nach Ablauf von fünf Jahren frei gegeben  werden. Die Ergebnisse ihrer Arbeit haben sie kürzlich veröffentlicht.
Die sind wirklich erhellend. Die Wissenschaftler zeigen detailliert, dass die Fed-Führung sich noch bis Ende 2007 vornehmlich um Inflationsraten, Beschäftigungsquoten und die Defizite im Staatshaushalt sowie der Leistungsbilanz sorgte. Diese volkswirtschaftlichen Größen hatten aber rein gar nichts mit der heraufziehenden Krise zu tun.“

Business as usual also bis die Krise dann mit voller Wucht zu schlug. Die Soziologen wundert es nicht, wird das Experten-Gremium doch von Menschen besetzt, die stark auf Gruppen-Konsens setzen. Andersdenkende von vornherein nicht erwünscht, gegensätzlicher (um nicht zu sagen: inhaltlicher) Auseinandersetzung wird so aus dem Weg gegangen.

„So sitzen im Offenmarkt-Ausschuss der Fed fast ausschließlich Volkswirte, die ihre beruflichen Erfahrungen in Ministerien, Behörden oder an der Universität gemacht haben. Die denken daher zwangsläufig in makroökonomischen Kategorien und sie pressen die Realität in mathematische Modelle, die immer darauf hinauslaufen,  ein irgendwie geartetes Gleichgewicht herzustellen.
Folgerichtig analysierten die Notenbanker zum Beispiel die Auswirkungen des US-Immobilienmarktes auf die Bauwirtschaft, die Hausgerätehersteller und das Maklergewerbe. Das alles lässt sich sehr schön berechnen.
Die Verbindungen zwischen dem Immobilienmarkt, dem Markt für Subprime-Hypotheken und den „kreativen Finanzlösungen“ zur Umverteilung von Risiken und Erträgen hat die Führung der Fed dagegen lange nicht erkannt. Dafür gab und gibt es keine Formeln. Genau diese Verflechtungen haben aber dazu geführt, dass aus der US-Subprime-Krise eine globale Finanzkrise wurde.“

Hier kommen gleich mehrere wichtige Kritikpunkte zusammen:

  • gleichgeschaltetes Denken, bedingt durch ähnliche Ausbildung oder beruflichen Werdegang
  • das Rechnen mit Modellen, denen eine komplexe Realität zugrunde liegt, mit der Annahme eines sich automatisch einstellenden Gleichgewichts. Mit soviel Freiraum bei der Modellgestaltung und realitätsfernen Annahmen würde ich vielleicht auch eins zusammenschustern und mathematisch beweisen können, dass Weihnachten und Ostern auf denselben Tag fallen…
  • mit bestechender mathematischer Logik lässt sich alles und auch wieder nichts beweisen, auf das zugrunde gelegte Modell und die Übereinstimmung mit der Realität kommt es an
  • kein Modell der Welt bildet bislang in irgendeiner Form Unsicherheiten/Unwägbarkeiten ab, sondern man arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten. Das setzt aber voraus, dass ich das Verhalten kenne bzw. vorhersagen kann – was auf eine komplexe Realität niemals zutreffen kann.
  • der Blick aufs Wesentliche wird mitunter verstellt, wenn man zu sehr in eingefahrenen Denkmustern steckt

© Robert B. Reich

Gemütlich?/Gefangen? in der ideologischen Blase, die man zuvor erfolgreich um sich gewoben hat. Kritik perlt daran ab, wie Wasser von Lotusblättern.

„Anhänger einer Mehrheitsmeinung zu sein, ist immer risikoärmer, als eine Minderheitsmeinung zu vertreten. Eine falsche Entscheidung hat für den Einzelnen weniger Folgen, wenn sie von vielen zu verantworten ist. Geteiltes Leid ist halbes Leid, lautet deshalb die bis ins Letzte beachtete Grundregel jedweder Gremienarbeit.
Expertentum und Konsensbildung gehen offensichtlich eine Symbiose ein, die das Risiko für die Entscheider minimiert, nicht aber Risiken für die von den Entscheidungen betroffenen Menschen.“

In der Tat liegt es in der menschlichen Natur, Konflikten am liebsten aus dem Weg zu gehen, mit dem Strom zu schwimmen und sich an altbekannten Mustern zu orientieren. Das wird problematisch, wenn sich die Meinungsführer/Experten nicht mehr mit der Realität auseinandersetzen und in ihrer selbst gebastelten Traumwelt leben. Wenn kritische Stimmen unterdrückt werden, dann kann es passieren, dass die Herde eben über die Klippe läuft oder der Schwarm Fische mitunter komplett im Rachen eines Wals verschwindet. Autor Herbert Walter hat das Beispiel der Finanzmärkte gewählt, um die Schädlichkeit von Einheitsmeinungen deutlich zu machen. Das Problem geht aber noch um einiges tiefer.

Auf Kritiker kann keine Steuerungsinstanz eines komplexen Systems verzichten. Dessen Aufgabe müsste eigentlich sein, zu erkennen, dass sich ein komplexes System nicht zentral managen lässt. Man müsste anfangen zu diversifizieren, Abhängigkeiten verringern, Redundanz einzubauen. Mit jedem Konzentrationsprozess nimmt das systemische Risiko eines Kollaps zu. Das gilt eben nicht nur für die Finanzmärkte. Es kann jeder selbst einmal drüber nachdenken, was für eine Kaskade von Abhängigkeiten mittlerweile allein bei der Nahrungsmittelproduktion besteht. Am Ende heißt es dann – kleine Ursache, große Wirkung. Das Erkennen solcher Probleme und das Suchen und Implementieren von Lösungen wäre normalerweise Aufgabe einer verantwortungsvollen Politik. Ein „Fahren auf Sicht“, wie es die Regierung betreibt, kann in niemands Interesse sein.

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