Wer hat Angst vor weisen Männern?

Das Jahresgutachten der 5 „Wirtschaftsweisen“ erschien erst vor etwas über einer Woche und ist bereits von unterschiedlichen Stellen genüsslich seziert worden. Fazit: Vor diesen „Weisen“ braucht niemand Angst zu haben, vielmehr sollten sie sich vor dem Publikum fürchten*. Selbst die Kanzlerin konnte sich eine ironische Erwiderung auf den Inhalt nicht verkneifen:

„Es ist nicht ganz trivial zu verstehen, wie ein Beschluss, der noch nicht in Kraft ist, jetzt schon eine konjunkturelle Dämpfung hervorrufen kann.“

Gemeint ist der ab kommenden Jahr geltende gesetzliche Mindestlohn. Der SVR war der Meinung, dass die aktuelle konjunkturelle Eintrübung auch auf zukünftige Gesetzesänderungen zurückzuführen sei. Ausnahme bildet Peter Bofinger, der in seinem Minderheitenvotum ein klein wenig Hoffnung durchschimmern lässt, dass noch so etwas wie gesamtwirtschaftliches Verständnis außerhalb des neoklassizistischen Elfenbeinturms existiert.

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Die aktuellste Kritik kommt von Thomas Fricke, der bereits den Titel wunderbar ironisch formuliert: Achtung, Ihnen kommen Wirtschaftsweisheiten entgegen.

Heiner Flassbeck und Team haben sich das Gutachten vorgeknöpft: Sachverständigenrat: Auch aus Prognoseschaden will man nicht klug werden

Wolfgang Lieb von den Nachdenkseiten ebenfalls: Jahresgutachten des „Sachverständigenrats“: „Wirtschaftswissenschaft“ als Arbeitgeberpropaganda

Lucas Zeise hat sich jetzt auch mit dem „Bericht“ beschäftigt: Angebotstheorie besonders platt

Richtig ausführlich beschäftigt sich Norbert Häring mit dem Pamphlet, regelrecht erschreckend, was er zutage fördert:

Wer diese Kritiken gelesen hat, muss sich ernsthaft fragen, in was für einer Welt wir leben, um uns von solchen [zensiert] „Ratschläge“ für die wirtschaftliche Entwicklung erteilen zu lassen. So eklatant, wie hier die eigene Ideologie zum Vorschein kommt, muss selbst der Letzte irgendwann merken, was für ein Zirkus da eigentlich abläuft.

Das Kernproblem ist im Prinzip bereits in diesem älteren Beitrag beschrieben. Vor allem mit Blick auf das dortige Bild muss klar werden, dass das neoklassische Weltbild ein wunderbar in sich geschlossenes Framework darstellt. Es liefert in sich schlüssige Antworten, die nur nicht (mehr) mit der Realität in Einklang zu bringen sind. Wenn man einmal darin gefangen, dem Weltbild/der Ideologie verfallen ist, dann gibt es kein so schnelles Entkommen. Die Erde ist dann eben eine Scheibe und die Sonne dreht sich um sie herum, nur Einfaltspinsel behaupten was von „rund“ und „und sie bewegt sich doch!„.

Zu weit hergeholt? Keineswegs, denn das Grundprinzip ist das gleiche. Mit alten Dogmen wird gebrochen, sobald die Unzulänglichkeiten bei der Abbildung der Realität immer auffälliger werden und nicht mehr wegzukaschieren sind. Das fängt im Kleinen an und braucht eine Weile, bis es eine kritische Masse an Menschen ebenfalls versteht. Wenn der Damm dann einmal gebrochen ist, werden auch die Letzten (bis auf die bornierten Ideologen) einsehen, dass „ihr Weltbild“ auf fehlerhaften Annahmen gefußt hat. Ähnlich wie Kinder irgendwann erkennen müssen, dass das mit dem Klapperstorch oder dem Weihnachtsmann auch nur ein nettes Märchen war, das man so lange glaubt, bis die Realität sie einholt.

Von daher, auch wenn es wie ein Kampf gegen Windmühlen aussieht – steter Tropfen höhlt den Stein. Beharrlichkeit zahlt sich am Ende aus.

Ach ja – lasst euch nicht von denjenigen ins Bockshorn jagen, die ein komplett neues/besseres Modell einfordern, bevor man sich vom alten lösen könne. Zuerst wird mit dem alten Weltbild gebrochen, dann kann gemeinsam etwas Neues entstehen. Wenn wir ehrlich sind, befinden wir uns bereits mitten drin im Kampf um die besten Ideen und Erklärungsversuche. Und logischerweise zieht auch das „Establishment“ weiter seine Fäden, vielleicht hat schon mal jemand den Begriff „Gatekeeper“ gehört. In jedem Fall liegen spannende Zeiten vor uns, in denen man sich in der Masse mittreiben lassen kann, oder sie aktiv mitzugestalten versucht.

 

* Kleine Anspielung auf den Titel dieses Blogs, obwohl auch das gleichnamige Buch von Patrick Rothfuss bei der Namensgebung eine Rolle spielte...

 

 

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