Das Weltwährungssystem als Ursache heutiger Konflikte

Egal welches der vielen losen Enden man aufgreift und zum Ursprung verfolgt, man kommt immer wieder beim lieben Geld an. Ohne zu verstehen, was Geld überhaupt ist und wie das Weltwährungssystem funktioniert, kann kein umfassendes Verständnis der aktuellen Lage gewonnen werden. Ausgangspunkt ist wieder einmal ein sehr lehrreicher Vortrag von Steve Keen auf einer Konferenz in Lateinamerika, wo er Keynes Idee der International Currency Union (ICU) mit dem Bancor als internationaler Verrechnungseinheit vorstellt:

 

Wie Keen ausführt, sei Geld im wesentlichen durch 2 Haupteigenschaften gekennzeichnet:

(1) es besteht eine Dreiecksbeziehung bei allen monetären Transaktionen zwischen Bezahler, Zahlungsempfänger und der Bank als Buchführer (Graziani 1995)

  • Geld ist ein token, keine Ware bzw. kein ‚Ding‘ (ansonsten hätten wir immer noch eine reine Tauschwirtschaft)
  • Das token ist gleichzeitig Erfüllungsgegenstand eines wie auch immer gearteten Vertrages (sonst wäre es reiner Kredit)
  • Der Ausgabegewinn von Geld (sog. Seigniorage) ist für die Ausgabestelle begrenzt

(2) die hierarchische Struktur des Geldsystems (Bell/Kelton 2001)

  • bestehend aus einer mehrstufigen Pyramide, wobei die einzelnen Stufen die Akzeptanzebenen des jeweiligen Geldes darstellen
  • im Gegensatz zu Haushalten und Firmen wird den „Versprechen“ von Staaten und bestimmten Banken eine Akzeptanz eingeräumt, selbst wenn diese nicht in etwas anderes konvertierbar wären

Wer beim Begriff „token“ die ersten Fragezeichen auf der Stirn stehen hat, es ist ein bloßes Symbol oder bildlicher gesprochen ein leeres Gefäß gemeint. Die Zahlenkolonnen auf dem Kontoauszug sind nichts anderes als ein symbolischer Ausdruck, den eigentlichen Wert erhalten diese erst durch uns Menschen – was wir dem gewillt sind beizumessen. Dabei spielt eine große Rolle, was man sich davon an Arbeitserzeugnissen überhaupt kaufen kann. Ja, der Wert von etwas hängt sehr stark von den eigenen subjektiven Präferenzen ab.
Das Thema Bargeld und Münzen bitte noch kurz hinten anstellen, darauf wird noch eingegangen.

Dreiecksbeziehung monetärer Transaktionen

fin_system

Hier sieht man die Dreiecksbeziehung von Bezahler (Payer), Zahlungsempfänger (Payee) und der Bank (allg. „banking sector“). Geld wird auf der unteren Ebene bei Kreditvergabe vom Bankensektor erzeugt (Buchungseintrag gegen Sicherheiten) und wandert dann bei einer Transaktion vom Zahler vom Empfänger. Die Bank registriert die Transaktionen (führt Buch).

Hierarchie im Geldsystem

In einem Multi-Bankensystem werden bei der Übertragung von Guthaben auf der unteren Ebene von der Zentralbank erzeugte „Reserves“ (***) auf der oben drüber liegenden Ebene genutzt, die Pyramide ist damit 2-stufig. Auf der unteren Ebene handelt es sich um aus dem Bankensektor erzeugtes Giral- oder Buchgeld, auf der Ebene darüber wird Zentralbankgeld (sog. high powered money, hpm) verwendet. Letzteres wird ausschließlich von der Zentralbank emittiert. Damit das System (die Hierarchie) funktioniert, kann zwar auch mit Zentralbankgeld (ZBG) auf der unteren Ebene bezahlt werden, jedoch nicht anders herum mit Giralgeld auf der höheren Ebene. Damit können Ungleichgewichte nicht ausufern, da es auf der unteren Ebene keinen direkten (erzeugenden) Zugriff auf das ZBG gibt. Die Geschäftsbanken sehen sich einem ständigen Refinanzierungsdruck ausgesetzt, wenn z.B. das selbst geschaffene Geld zu anderen Banken abwandert. (nach Kommentar ergänzt)
Es wird zum Teil argumentiert, dass wenn die Geschäftsbanken Geld selbst erzeugen könnten, sie doch niemals pleite gehen dürften. Der Trugschluss liegt darin, dass man die systemische Hierarchie der Gelder dabei ausblendet. Bargeld spielt dabei eine unrühmliche Rolle, da es einerseits Zentralbankgeld ist (high-powered money auf der unteren Nutzer-Ebene), jedoch bei einer Einzahlung diesen Status verliert. Es wird dabei zu einem Giralgeld-Eintrag auf dem Kundenkonto transformiert. Dieser Vorgang ist selbstverständlich auch umkehrbar. Auf diesem Mechanismus fußt die Theorie der multiplen Geldschöpfung, wo erst Bargeld eingezahlt werden muss und dann Kredite vergeben werden können. Ein nettes Märchen, was sogar heute zum Teil noch so an den Unis gelehrt wird. (https://www.youtube.com/watch?v=A_Zf6UCaHgw)


(***) !wichtig! Der Begriff „reserves“ aus dem Englischen ist unter keinen Umständen mit der Mindestreserve und den dazugehörigen Mechanismen zu verwechseln! Das sind zwei gänzlich unterschiedliche Paar Schuhe. Damit ist hier im Text einfach der Saldenausgleichsstandard gemeint. Die Bank of England z.B. stellt überhaupt keine Mindestreserveanforderung an die Geschäftsbanken, trotzdem fließt Zentralbankgeld (eben jene reserves) zum Ausgleich der Geldtransaktionen zwischen den Geschäftsbanken. Auf diesen sprachlichen Fallstrick muss man deutlich hinweisen.

Dass Geld endogen im Bankensektor ensteht, haben mittlerweile nicht nur fortschrittliche Ökonomen sondern auch eine Reihe von Zentralbanken klargestellt. Wer dennoch anderer Meinung sein sollte, kann einfach mal für sich und den Rest der Welt klären, wie Geld überhaupt auf die Welt kommt. Auch eine Zentralbank emittiert auf dieselbe Art und Weise Geld, wie es die Geschäftsbanken tun, sie schreibt die Beträge in einem ersten Schritt in ihren Büchern gut (gegen Sicherheiten z.B. in Form von Wertpapieren). Das geschieht selbstverständlich in beiden Fällen nachfragegetrieben! Ohne dass ein Kunde den Wunsch nach einem Kredit äußert, wird sich keine Bank veranlasst sehen, einfach irgendetwas in ihre Bücher zu schreiben.
Dass sie (die ZB) gleichzeitig zur Bundesdruckerei (und Münzprägeanstalten) geht und dort den Auftrag gibt, ein paar bunt bedruckte Zettel mit Zahlen drauf zu drucken und diese anschließend als Geld ausgibt, das ist letztlich nur eine Form des o.g. tokens. Die Zentralbank führt genau wie die Geschäftsbanken Buch, macht also im Grunde genommen nichts anderes. Die Wertigkeit (auf die Hierarchie bezogen) ist selbstverständlich eine andere, der Gesetzgeber hierzulande gesteht einig und allein Bargeld den Status gesetzliches Zahlungsmittel zu. Dabei handelt es sich streng genommen um high powered money auf der unteren Ebene, welches dort zusätzlich zum regulären Giralgeld zirkuliert. Dies ist der Grund eines der größten Missverständnisse rund ums Geld. Es gibt Menschen, die sprechen Giralgeld den Status „Geld“ einfach ab, alles was nicht von der Zentralbank kommt, sei kein Geld… Andere wollen die Geldschaffungsmöglichkeit des Bankensektors abschaffen und die Zentralbank als alleinige Emittentin installieren (Stichwort Monetative). Die Machtverschiebung weg von den GBn hin zur ZB muss ich nicht noch groß erläutern? Die untere Ebene der Pyramide wäre damit „hohl“, Geldvergabeentsscheidungen damit zentralisiert und auf einen Punkt konzentriert. In meinen Augen kein sinnvoller Ansatz. Aber widmen wir uns weiter dem Finanzsystem und dessen Funktionsweise:

 

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Was geschieht, wenn Zentralbanken Gelder länderübergreifend übertragen? Sie greifen dafür wiederum auf ein höherwertigeres Reserven-Geld zurück – so zumindest in der von Keynes propagierten „Bancor“-Lösung. Die Bank der Zentralbanken (hier mit IMF/ICU bezeichnet) nutzt hierfür eine eigene Verrechnungseinheit namens Bancor. Spätestens wer den Vortrag von Keen gesehen hat wird wissen, dass sich bei Bretton Woods ein anderes System durchgesetzt hat:

 

fin_sys_arch_actual

Weltreservewährung wurde der Dollar. Die Problematik ist die, dass die sinnvolle Hierarchie (Geld auf den unteren Ebenen kann nicht auf den höheren Leveln zum Einsatz kommen) damit ausgehebelt ist. Das, was eigentlich ausufernde Außenhandels-Ungleichgewichte verhindern sollte, kann so sehr einfach durch neues, selbstkreiertes Geld künstlich (zu Lasten der Handelspartner) fortgeführt werden. Mit dieser Möglichkeit ausgestattet kann ein Land in der Tat nicht mehr pleite gehen… Die Bindung des Dollar an Gold war eine Minimalforderung aller Beteiligten, dass sie diesem System zustimmen. Denn nur so konnte man sichergehen, dass es nicht zu einer Art „Selbstbedienungsmentalität“ käme. Wir wissen es mittlerweile besser, seit die Goldbindung aufgehoben wurde, war hier Tür und Tor für eklatanten Missbrauch des Systems geöffnet.

Und damit sind wir mittendrin im großen clash of nations: die aufgelaufenen Defizite und das Gebahren der USA wird von der übrigen Welt nicht mehr toleriert. Für die USA geht es einzig um die Sicherung des status quo (wer würde schon freiwillig so einen Selbstbedienungsladen wieder aufgeben?), für die restlichen Länder um mehr Gerechtigkeit. Der BRICS-Zusammenschluss konkretisiert mehr und mehr Alternativlösungen ohne Dollar und stößt damit nicht gerade auf viel Gegenliebe beim derzeitigen Nutznießer. Die Fallhöhe ist durch die angehäuften Forderungen erheblich, so dass man leicht auf verwegene Ideen kommen kann, um dieses Szenario zu verhindern. Da macht selbst die Destabilisierung ganzer Länder plötzlich Sinn. Außerdem spielen selbstverständlich geostrategische Interessen eine maßgebliche Rolle (Brzezinskis ‚Grand Chessboard‚ lässt grüßen). In Europa hat man diese Problematik anscheinend noch nicht so recht geblickt und liefert weiter fröhlich Güter gegen selbstkreierte Forderungen. Wenn man nicht Dummheit, sondern Vorsatz bei den hiesigen Politdarstellern unterstellt, macht das die Sache nur noch schlimmer…

Man darf aber nicht vergessen, dass Geld nur (Macht-)Mittel zum Zweck ist. Es lässt sich weder essen noch sonstwie verwerten. Dazu benötigt man Ressourcen wie Land (mit all den vergrabenen Bodenschätzen), Wasser, Energie, etc. Mit (selbstgedrucktem) Geld werden eben jene Ressourcen erworben oder auch durch militärische Intervention. Wohl dem, der über eine gut geschmierte Kriegsmaschinerie verfügt… Aber auch die nützt einem nicht mehr viel, wenn sich der Rest einig ist und zusammenarbeitet, diesen Zustand zu überwinden.


Aktuelle Schlagzeile von zerohedge, die die Problematik des Beitrags verdeutlicht: „US Sanctions On Russia May Sink The Dollar,“ Ron Paul Fears „Grave Mistake“ http://www.zerohedge.com/news/2014-08-11/us-sanctions-russia-may-sink-dollar-ron-paul-fears-grave-mistake

Zum Thema Gold noch kurz zwei Sätze. Den einzigen Vorteil, den man sich als Befürworter eines erneuten Goldstandards in meinen Augen versprechen kann, ist die vermeintliche Begrenzung der Geldemissionsfähigkeit (insbesondere der Zentralbanken). Gold soll der Stabilitätsanker sein, hat in der Vergangenheit so gut funktioniert [/sarcasm]. Im Ernst, Geld ist und bleibt endogen. Eine internationale Reservewährung wie im Beispiel der Bancor, die der Kontrolle aller Nationen unterläge, erachte ich als 10x sinnvoller, als weiter (unter enormen Aufwand und einhergehender Umweltzerstörung) ein Metall aus der Erde zu buddeln und es dann wieder in Tresoren wegzuschließen. Auch Gold hat keinen intrinsischen Wert, es stellt auch nur ein hübsch glänzendes „token“ dar.

(10.08.: es erfolgte kleines Update zum Begriff reserves)
(12.08.: kleine Ergänzungen aufgrund von Kommentaren und zum Thema Gold)

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